Pegida-Anhänger vor dem Kanzleramt, 2015 © Sean Gallup/Getty Images

Zu den festen Ritualen der alten Bundesrepublik gehörte es, ständig vor einem Rechtsruck zu warnen, der indes nie eintrat. Die Unheilpropheten fügten dann immer hinzu: Der Firnis der Zivilisation sei dünn, wenn der Wohlstand zurückgehe und die Zeiten härter würden, werde man schnell sehen, wie äußerlich die Bekenntnisse der Deutschen zu Demokratie und Toleranz in Wahrheit seien. Aber es war noch jedes Mal ein Fehlalarm.

Und was haben wir heute? Dem Land ging es noch nie so gut – und es war noch nie so zerrissen. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig, wie sie es seit 1992 nicht mehr war. Der Finanzminister kann sich vor Überschüssen kaum retten. Die Renten erreichen Rekordhöhen, und selbst die Binnennachfrage, deren Schwächeln bisher immer als Beweis angeführt wurde, dass vom Wohlstand, der vom Exportweltmeister oben erwirtschaftet werde, unten nichts ankomme, selbst diese Binnennachfrage brummt nicht nur zur Weihnachtszeit dank kräftig gestiegener Löhne. Dies müssten eigentlich die klassischen Rahmenbedingungen für ein mit sich selbst zufriedenes Land sein, das den Wahlkampfslogan der CDU aus den achtziger Jahren wieder hervorkramen könnte: "Weiter so, Deutschland!"

Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Gesellschaft ist zerrissen, die Milieus sind polarisiert. Dies besonnene Land der Mitte ist dabei, ein gespaltenes zu werden.

Was ist passiert?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Es sind keine Klassengegensätze, die da zum Ausbruch kommen. Es sind auch keine im eigentlichen Sinne politischen oder ökonomischen Streitfragen, die zu einer derartigen Verbiesterung der Gemüter geführt haben. Die Zeiten, als man sich über die Kopfpauschale, über Steuersenkungen oder das richtige Renteneintrittsalter stritt, gehören einer vergangenen Epoche an. Selbst der Besserverdiener hat als Feindbild ausgedient. Was heute das Blut regelmäßig zur Wallung bringt, sind samt und sonders Fragen der Weltanschauung, der diskursiven Symbolpolitik, des ideologischen Lifestyles. Straßennamen, Geschlechtskategorien an Klokabinen und – hier kommt es dann regelmäßig zum Rütlischwur – die Haltung zum Islam: Gender, Race, Diversity, die Frage nach den richtigen Lebensformen und der richtigen Art, darüber zu reden – aus diesen Kraftfeldern speist sich die Verfeindungsenergie, die im Moment alles vergiftet. Was wir erleben, ist ein Kulturkampf, der viel mit Worten zu tun hat.

Das herzhafte Bekenntnis zur eigenen Brutalität

Auf der einen Seite stehen jene, die die überkommenen Geschlechterrollen als heteronormativ infrage stellen, eurozentrische Sichtweisen kritisieren, ethnisch-kulturelle Diversität predigen und mit Blick auf Tierrechte den Speziesismus geißeln. Der Kulturjournalist Thomas Edlinger hat in seinem gerade erschienenen Buch Der wunde Punkt (edition suhrkamp) diese Haltung mit ihrem unerbittlichen Deutungsanspruch "Hyperkritik" genannt, weil vor ihr gewissermaßen keine überkommene Lebensform mehr sicher ist. Auf der anderen Seite stehen – meistens ziemlich sprachlos, das mag auch ein Teil des Konflikts sein – jene, die sich von den neuen Redeformen gegängelt fühlen, die darin ein großes Umerziehungsprogramm wittern und mittlerweile mit wachsendem Selbstbewusstsein jeden Moraldiskurs zurückweisen, weil die Moral für sie nur ein Machtmittel ihres politischen Gegners ist, seine Ziele durchzusetzen. Ihr größter Erfolg, auch dies bezeichnenderweise ein diskursiver, war die Brandmarkung des Wortes "Gutmensch". Wer in einer Debatte auch nur von ferne einen auf universelle Moral ausgerichteten Gesichtspunkt zu bedenken gibt, wird als "Gutmensch" entlarvt – und das rechte Lager hält sich vor Lachen die Bäuche, als wäre die einzige nicht heuchlerische Auskunft über einen selbst das herzhafte Bekenntnis zur eigenen Brutalität.

Zum Sprachrohr dieses Milieus hat sich der polnische Außenminister gemacht, als er in fast schon karikaturhafter Weise erklärte, dass die Welt sich nicht automatisch in eine Richtung bewege – nämlich hin "zu einem neuen Mix von Kulturen und Rassen", zu einer "Welt aus Radfahrern und Vegetariern".

Die kulturalistische Linke, wie wir sie der Einfachheit halber nennen wollen, ist vor allem auf dem Feld der Identitätspolitik zugange. Jede ethnische, kulturelle oder sexuelle Differenz soll unter staatlichen Schutz gestellt werden – als Kompensation für die Vergehen einer heteronormativen, eurozentrischen Vergangenheit. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass die neue Rechte auf demselben Feld, nur unter entgegengesetzten Vorzeichen, unterwegs ist und in den vergangenen Jahren am ehesten in der identitären Bewegung zu greifen war. Sie ist das Pendant zur kulturalistischen Linken. Wo die Linke die fremde Identität, das Andere, die Abweichung vergötzt, berauscht sich die Rechte an der Norm des Eigenen.

Die neue Politik der Alternativlosigkeit

Zwischen diesen beiden Polen, der linken Hyperkritik und dem rechten Ressentiment, hat sich jene bürgerliche Mitte schweigsam verkrümelt, die es nicht für die Aufgabe des Staates hält, die Auflösung überkommener Normativitäten gesetzgeberisch zu begleiten, sondern einen liberalen Ordnungsrahmen garantieren möchte, in dem plurale Lebensformen ohne normativen Druck in Zivilisiertheit miteinander auskommen können.

Die kulturalistische Linke, die nicht mehr Verteilungsfragen in den Vordergrund stellt, sondern den gesellschaftlichen Überbau neu buchstabiert, indem sie alle überlieferten Rollenmuster kritisch infrage stellt, hat diskursstrategisch auf ganzer Linie gesiegt. Wer da nicht mitmachen will, wer die eigene Heteronormativität nicht problematisiert sehen möchte, muss heute politisch mindestens bis zur AfD auswandern, um mit seinem Unbehagen kommunikativ wieder anschlussfähig zu werden, denn die Union unter Angela Merkel funktioniert nicht mehr als besonnener Katechon, als Aufhalter, der mit konservativer Behäbigkeit dafür sorgt, dass nicht alle Üblichkeiten in die Defensive geraten. Die Merkel-Union ist selber, wie es so schön heißt, urban geworden.

Auf gespenstische Art verwandelt sich Deutschland so von einem Land der Mitte in eine polarisierte Gesellschaft. Mit welcher Entgeisterung haben wir auf die USA geschaut, die einem nur noch entgegentraten wie zwei Länder, die nichts miteinander zu tun haben: Tea Party plus religiöser Fundamentalismus auf der einen Seite, akademische Hyperkritik auf der anderen. Jetzt hat dieser Trend Deutschland erreicht. Wer hätte das gedacht? Jeder hat heute das Gefühl, es liege etwas in der Luft, das explodieren könnte.

Das Jahr 2015 war davon geprägt: Die Mitte bricht weg, links werden die Standards für eine moralisch korrekte Lebensführung hochgeschraubt, während man rechts dieser als gouvernantenhaft empfundenen Bevormundung in Fragen der Weltbeschreibung durch immer unverhohlenere Gewaltandrohungen das entgegensetzt, was man für den gesunden Menschenverstand hält. Jede kulturelle Hegemonie ruft Trotzreaktionen hervor.

Die neue Politik der Alternativlosigkeit: Grenzen lassen sich ohnehin nicht schützen

In der Flüchtlingskrise des vergangenen Sommers spitzte es sich dann zu. Es war nicht die Öffnung der deutschen Grenzen als solche, die möglicherweise wirklich notwendig war, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Aber begleitet wurde die neue Flüchtlingspolitik von einer Rhetorik der Alternativlosigkeit: dass sich Grenzen ohnehin nicht sichern ließen, dass sie moralisch fragwürdig seien. Im Gegenzug wurde ethnisch-kulturelle Diversität zur neuen Norm erhoben, die per se wünschenswert sei und keiner demokratischen Billigung bedürfe. Wer weiterhin der Meinung war, dass Staaten ihre Außengrenzen sichern können sollten und ein Gemeinwesen souverän darüber bestimmen können muss, in welchem Maße sich seine Demografie verändert, der war politisch heimatlos, wenn er nicht in den Reihen von Pegida mitmarschieren wollte. Schon wenn man über eine Einwanderungspolitik mit Quoten reden wollte, war man nicht mehr auf dem Boden der Willkommenskultur.

Und dann kam Köln. Aller Überschwang des Sommers rächte sich. Das Pendel schlug auf erschreckende Weise zurück – und zwar weit nach rechts. Die schlimmsten Demagogen wie Björn Höcke haben nun Oberwasser. Eine Mitte, die gleich weit entfernt ist von Diversity-Rhetorik wie von xenophobem Hass, muss sich erst wieder neu konstituieren.

Auf Facebook ließ sich in den Tagen nach Köln beobachten, wie massenhaft Freundschaften aufgekündigt wurden, weil man es einfach nicht mehr ertragen konnte, die Postings von jemandem auf der eigenen Pinnwand zu lesen, der über die Ereignisse der Silvesternacht anders dachte als man selbst.

Und tatsächlich, was sollte man auch anderes machen als aufstöhnen, als einen die Nachrichten aus Köln erreichten: Hier passierte irgendwie ungefähr das, worüber man sich bis dahin amüsiert hatte, wenn in einem Fernsehbeitrag mal wieder ein Pegida-Anhänger, der nicht bis drei zählen konnte, dunkel dräuend von Vergewaltigungen an deutschen Frauen in seinem Dorf berichtete. Und die Reaktion der Medien, die anfangs versuchten, die Täter nicht ethnisch-kulturell zu identifizieren, kam dem Zerrbild der "Lügenpresse" schon verdammt nahe.

Das Land hat sich in eine Situation manövriert, in der die demagogische Systemverachtung des Pegida-Mobs erschreckende diskursive Plausibilitätseffekte verbuchen kann. Die kulturalistische Linke, die bisher Zuwanderung zum Menschenrecht erklärt hatte, versuchte nun, statt dem Selbstzweifel auch nur ein Minimum an Raum einzuräumen, die Ereignisse von Köln zu einem Fall Brüderle zu machen (Hauptsache, man überführt die Vorgänge in einen Anwendungsfall strenger Selbstkritik). Spätestens da wurde es zunehmend schwer, dem Verdacht entgegenzutreten, politische Korrektheit sei nur um den Preis des Wirklichkeitsverlusts zu haben. Wer über die kulturell-religiöse Herkunft der Täter spreche, so war vielerorts zu lesen, instrumentalisiere das Leid der Opfer, der Frauen – und verhalte sich mithin typisch patriarchal.

Wie erleichtert war man, als die Köln-Schlagzeilen irgendwann abgelöst wurden von den Nachrichten über randalierende Neonazis im Pegida-Pulk: Das ist hässlich, aber damit können wir umgehen.

In dieser diskursiven Atmosphäre ist es schon seit Längerem zu etwas gekommen, was man sekundären Islamophobismus nennen könnte. Der sekundäre Islamophobismus hat gewissermaßen nichts gegen Ausländer, aber sehr viel gegen Scheuklappen. Und weil er das Gefühl hat, dass der Blick auf den Islam mit Scheuklappen arbeitet, zählt er am Ende mit unüberhörbarem Triumphalismus alle Sünden des Islams auf – einfach weil er die Typen mit Scheuklappen, die nicht hingucken, endlich schwitzen sehen will. Das ist Deutschland zu Beginn des Jahres 2016.

Zwischen der Hypermoral von links und der blanken Gewalt von rechts, die wie zu Weimarer Zeiten Bürgerwehren mobilisiert, muss es wieder eine Mitte affektbeherrschter Zivilisiertheit geben. Denn der Bischof von Eichstätt, Gregor Maria Hanke, hat ja recht, wenn er sagt: "Was sich in den letzten Tagen in der Politik als Mainstream herauszukristallisieren begonnen hat, wäre vor vier Monaten noch als rechtsradikal und islamophob gebrandmarkt worden."

Und auch das versteht sich von selbst: Vor die Wahl gestellt, ein Dutzend neue Geschlechtskategorien zu akzeptieren oder mit unverhohlener Mordlust durch die Straßen zu ziehen mit einem Galgen für die Bundeskanzlerin, entscheide man sich besser für eine Welt mit Binnen-Asterisk. Das eine ist ein diskursiver Vorschlag, die Welt anders zu beschreiben, das andere ein Fall für das Strafgesetzbuch.

Manchmal hat man tatsächlich das Gefühl, dass die kulturalistische Linke mit ihrer verbal-intellektuellen Überlegenheit alle, die ihr nicht folgen wollen, in eine Ecke der Hilflosigkeit getrieben hat, in der sie sich nicht anders zu helfen wissen, als in die unterste Schublade zu greifen. Nur so lässt sich auch der Erfolg von Akif Pirinçcis Buch Deutschland von Sinnen vom März 2014 erklären. Dass Leser, die sich in ihrer Selbstbeschreibung als bürgerlich charakterisieren würden, dieses anal-pubertäre Hasspamphlet voller Obszönitäten ins heimische Bücherregal einsortierten, war möglicherweise auch Ausdruck eines Notstands. Wer sich mit dem Deutschland der Gleichstellungsbeauftragten und Diversity-Manager nicht identifizieren wollte, dem bot der Buchhandel keine Alternative zur Pirinçci-Lektüre.

Aus linker Sicht könnte man jetzt sagen: Klar, kann auch gar nicht anders sein, wir sind auf der Seite der Wahrheit, des Fortschritts und der Zukunft, wer nicht mit uns ist, muss sich nicht wundern, wenn er mit mindestens einem Bein in der Gosse steht!

Trotzdem sollte man nicht zu viele Leute in die Gosse treiben.