Der Hafenarbeiter mit der Nummer 43 ist eine riesige rollende Maschine. Er ähnelt einem Bus: Seine Räder sind genauso groß, und er ist etwa ebenso lang. Nur fehlt ihm oben eine Kabine für die Passagiere oder einen Fahrer. Oberhalb der Räder ist nichts, nur eine leere Fläche. Kein Mensch steuert das Ungetüm mit der weiß aufgemalten Nummer. Es fährt vollautomatisch zu einem bestimmten Punkt auf dem Hafengelände, dort stellt ein riesiger Kran einen Container auf seine Ladefläche – und Nummer 43 fährt davon. Bald ist er zwischen Dutzenden anderen Automaten seiner Art verschwunden.

Alltag im Containerterminal Altenwerder im Hamburger Hafen. Ungewöhnlich ist an diesem Samstagnachmittag nur der Fahrzeugkonvoi, der ein paar Meter von Nummer 43 entfernt angehalten hat: ein großer Bus, ein amerikanischer Suburban-Van mit Blaulicht und einige weitere Fahrzeuge. Der Arbeitsminister der USA ist zu Gast, Thomas Perez, mit einem Tross von Begleitern. Der Minister ist nach Deutschland gekommen, weil er nach Ideen sucht für die Aufgabe, die Barack Obama zwei Tage zuvor in seiner letzten Rede zur Lage der Nation formuliert hat: Technologie, sagte der Präsident, könne heute jeden Arbeitsplatz ersetzen, sie untergrabe die Position der Arbeitnehmer, sie könne zu stagnierenden Löhnen führen und zu noch mehr Ungleichheit. Deshalb müsse Amerika neue Wege finden, um jedem Bürger eine faire Chance auf Wohlstand und Sicherheit zu geben.

Roboter, künstliche Intelligenz, die Digitalisierung ganzer Wirtschaftszweige – das sind Entwicklungen, die selbst in den traditionell fortschrittsgläubigen USA für Kopfzerbrechen sorgen. Weltweit fürchten Experten und Regierungen, die digitale Revolution könnte massenweise Jobs vernichten. Oder sie zerstückeln. In lauter prekäre Kleinstarbeitsverhältnisse. Gerade erst erschien eine Studie des World Economic Forum, die das Verschwinden von fünf Millionen Jobs prophezeit.

Thomas Perez, Obamas Minister für Arbeit, bezweifelt, dass es so schlimm kommen wird. Er bemüht sich, Zuversicht zu verbreiten, so wie sein Präsident. Doch die Fragen, die er stellt, und die Ideen, die er mit seinen Kollegen in anderen Ländern diskutiert, zeigen: Es gibt bisher viele Sorgen, aber kaum Konzepte.

In Hamburg lässt sich Perez geduldig erklären, wie Nummer 43 und seine Kollegen, sogenannte Automated Guided Vehicles, von computergesteuerten Kränen beladen werden, wie ein Computer ihre Routen berechnet, wie an ihrem Ziel computergesteuerte Greifer die Container wieder abladen, wie sie selbstständig zu einer Wartungsstation fahren, wenn ihre Batterien schwach werden – und ihnen dort ein computergesteuerter Roboter frische Akkus einsetzt. Die digitale Technik ist tief eingedrungen, selbst in so einen klassischen Bereich der Old Economy wie den Hafen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Die Maschinen sind beeindruckend. Doch Perez, 51, Jurist mit Abschluss in Harvard, ist nicht allein wegen der Technik gekommen. "Ich habe gehört, dass es hier gelungen ist, eine Kultur zwischen Arbeitern und Management zu etablieren, die es ermöglicht, eine neue Technologie anzunehmen, sich mit ihr an die Spitze der Entwicklung zu setzen und das zum eigenen Vorteil zu nutzen." Genau das brauche es: "Wir dürfen Innovationen nicht fürchten, wir müssen sie begrüßen und sicherstellen, dass jeder von ihnen profitieren kann."

Innovationen zu begrüßen ist keine Selbstverständlichkeit mehr in den USA. Dabei steht Amerika in puncto Jobs eigentlich recht gut da. Nach Angaben der Industrieländerorganisation OECD liegt die Arbeitslosenquote bei 5,0 Prozent. Nur Deutschland schneidet unter den westlichen Industrieländern mit 4,5 Prozent (gemessen nach internationalem Standard) noch besser ab. Aber trotz der niedrigen Quote ist längst nicht alles prima in den USA. Die Arbeitslosenzahl fiel dort auch deshalb, weil sich viele Amerikaner in den Krisenjahren vom Arbeitsmarkt zurückgezogen haben. Sie leben nun etwa vom Einkommen ihres Partners und zählen offiziell nicht mehr als Arbeitslose. Zudem sind die Löhne vieler Amerikaner seit der Krise kaum gestiegen.

Vor zwei Jahren sorgte außerdem eine Studie für Aufsehen, die prognostizierte, innerhalb der nächsten zehn bis zwanzig Jahre seien Maschinen und Algorithmen in der Lage, 47 Prozent aller Jobs in den USA zu übernehmen. In Gefahr seien nicht mehr bloß monotone Fließbandarbeitsplätze, sondern Stellen in fast allen Branchen – ob in Banken, Behörden oder Krankenhäusern. Es stehe ein neues Maschinenzeitalter bevor. Perez meint dazu: "In der Vergangenheit hat sich immer wieder gezeigt, dass Vorhersagen vom Untergang des amerikanischen oder deutschen Arbeiters übertrieben waren. Technik hat das Potenzial, Arbeitsplätze zu zerstören, aber sie kann auch neue schaffen."