Karin Dor unter der Regie von Jürgen Roland in "Der Grüne Bogenschütze" (1961) © Universum Film

Mittlerweile häufen sich die Klagen: In Deutschland sei, so heißt es da immer wieder, zwischen Autorenfilmen in cineastischer Schönschrift, Tatort-Realismus und Fack ju Göthe ("Fuck yourselves", rumort es aus dem Grab des Meisters) kein Platz für ein kompetentes Genrekino. Immer wieder wird es versucht, hier ein Horrorfilm, dort eine Crime-Story und dann wieder ein Neo-Heimatfilm. Aber bei alledem steht das Genre stets sozusagen in Anführungszeichen: Die Verwendung der Genre-Referenz scheint selbst ein Kunstgriff zu sein, eher ein Effekt als ein Code. Daraus kann nicht werden, was ein Genre eben auch ausmacht, eine Erzählmaschine, die ihre eigene Produktionslogik entfaltet. Das Genre indes kann man nicht einfach "wollen", es ist eine ästhetische und mythologische Ökonomie; und es setzt eine gewisse kulturelle Unbekümmertheit voraus. Weder das eine noch das andere hat die Bewegtbilderkultur Deutschlands derzeit zu bieten.

So geht der Blick gern zurück in andere Zeiten, zu cineastischen Erzählmaschinen, die neben den normierten Massenprodukten immer auch allerlei schönen Blödsinn, schrillen Abfall und das eine oder andere Fundstück für spätere Zeiten hervorbrachten. Filme zum Beispiel, die beinahe so aussehen wie die anderen ihres Genres. Und in denen sich doch Überraschendes und Widerspenstiges ereignet. Denn bei den Produkten einer Erzählmaschine reicht es aus, wenn nur eine Zutat, ein Arbeitsschritt zwischen Drehbuch, Produktion, Inszenierung, Schauspiel, Kamera, Musik und Schnitt sich als eigensinnig erweist, um das Produkt in eine unvorhergesehene Richtung zu lenken. Ein Schauspieler, der sich nicht an die Regeln hält, ein Komponist, der einen unvorhergesehenen Einfallsreichtum entwickelt, ein Regisseur, der anfängt, mit den Genre-Regeln zu jonglieren ...

Und was, wenn sich gleich mehrere Dissidenten, Saboteure und Jongleure in einer Erzählmaschine finden? Dann kann alles schiefgehen. Oder ein absurdes Kunststück entstehen. Oder beides zusammen. Jürgen Roland, das war der Reporter unter den deutschen Filmemachern, der Erfinder der semidokumentarischen Fernsehserien Der Polizeibericht meldet und Stahlnetz, in denen das Verbrechen, ganz gegen unsere Gewohnheiten, als soziale Realität behandelt wurde. Das prägte auch seine großen Kinofilme Polizeirevier Davidswache (1964) und Vier Schlüssel (1965). Später kehrte Roland zum Fernsehen zurück und schuf die Serie Großstadtrevier, die es in Variationen immer noch gibt. Zweimal hat sich Roland auch im deutschen Krimigenre par excellence, im Edgar-Wallace-Film, versucht.

Ein Whodunnit alter Manier, aber mit vitalistischem Realismus

Der rote Kreis (1961) war der Versuch, die Formel zugleich zu etablieren und zu variieren: Man sah das Stahlnetz als Rolands Markenzeichen im Vorspann und konnte ein Whodunit mit nachgerade vitalistischem Realismus, aber doch "in alter Manier" sehen. Es geht um Gangster, Erpressung und Maskeraden, und es geht um einen Kreis der Schuld und des Schicksals. Und Rolands Freund Wolfgang Menge hinterließ seine Spuren in einem Drehbuch, das dem Realismus listig eine Hintertür offen zu halten versuchte. Aber es setzte sich im Genre dann doch die andere Tendenz durch, die mit den "Gruseleffekten", Abstrusitäten und dem Spiel mit den Wiedererkennungseffekten. Statt in die Mechanik des Verbrechens und seiner Aufklärung, für die sich Roland und Menge interessierten, führte der deutsche Edgar-Wallace-Film in seiner Blütezeit in die Seelenabgründe des Wirtschaftswunder-Deutschen.

Das eigentlich Unvereinbare, das Verbrechen aus ökonomisch-sozialen Impulsen und das Grauen verdrängter Psychosen, Stahlnetz und Familiengruft, traf sich dann in Rolands zweiter und letzter Genrearbeit. Der grüne Bogenschütze (1961) wurde seinerzeit nicht gerade begeistert aufgenommen, am ehesten noch als große Parforce-Tour von Gert Fröbe in der Rolle des mehr oder weniger amerikanischen Gangstermillionärs Abel Bellamy, den Fröbe dann in Goldfinger zum unerreichten James-Bond-Bösewicht weiterzeichnete: dem Monster, das aus dem falschen Reichtum entsteht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Jürgen Roland also lässt in seinem Film die zwei Gespensterwelten aufeinander los: die alten Gespenster und das Gespenst des asozialen Kapitalismus, bevor dieses von den Vertretern des neuen Kleinbürgertums bezwungen wird.

"Daraus kann man doch keinen Film machen", das sind die ersten Worte, die der später unvermeidliche Eddi Arent in die Kamera spricht: "Ein Mörder mit ’nem Flitzbogen. Das glaubt doch kein Mensch." Und wirklich stimmt eigentlich gar nichts in diesem Film: Ganz im Gegensatz zu den Gründern des Genres, Harald Reinl oder Alfred Vohrer, überschritt Roland dessen Grenzen gleich in mehrerer Hinsicht. Er brachte seinen "stahlgrauen" Realismus mit ein, er übertrieb aber auf der anderen Seite auch gleich wieder die ironischen und selbstreferenziellen Mittel, er ließ seinen Hauptdarsteller so sehr von der Leine, dass Fröbe seine Mitspieler nicht nur in den Hintergrund, sondern buchstäblich aus der Geschichte drängte, und der Handlungslogik widmete der Regisseur sich auch nicht mit der Sorgfalt, die man von ihm gewohnt war. Und trotzdem oder gerade deswegen ist Der grüne Bogenschütze ein wahres Monster von einem Genrefilm.

Das eben ist das Problem. Wenn man kein Genrekino hat, kann man auch nicht mit den wundervollen Ausreißern, den absurden Hybriden und den schönen Unglücksfällen rechnen. Genrefilme dürfen nämlich ziemlich viel, nur langweilig dürfen sie nicht sein.

"Der grüne Bogenschütze" ist in restaurierter, ungekürzter Fassung und im authentischen Bildformat bei Universum erschienen. Zusammen mit "Der rote Kreis", "Der Frosch mit der Maske" und "Die Bande des Schreckens" (beide von Harald Reinl) auch in der "Edgar Wallace Edition 01"