Ein altes Paar, genauer, der Überlebende eines alten Paares – wer hätte gedacht, dass der Roman über einen schrulligen Restbestand des britischen Empire zum Kultbuch der Saison wird? Ein untadeliger Mann erzählt von einem greisen Richter, den einige Kollegen im Club schon für tot halten, der Autorin selbst fehlen nur zwei Jahre bis zum 90. Geburtstag. Jane Gardam heißt das neue It-Girl der britischen Literaturszene. Eine Lady mit blütenweißem Haarschopf und einem offensichtlich unerschöpflichen Reservoir an Ideen. Seit sie anfing zu schreiben – im Alter von 40 Jahren, an demselben Vormittag, an dem ihr drittes Kind eingeschult wurde –, hat Jane Gardam, übrigens die Witwe eines englischen Richters, viel geschafft. 25 Bücher. Allein neun Sammlungen mit Kurzgeschichten, dazu Kinderbücher, Romane. Zwei Whitbread Awards eingeheimst, einen Orange Prize. Und dann wurde, my sweet Lady Jane!, die Dame sogar geadelt, zum OBE, Officer of the Order of the British Empire. Sehr passend, also passend im ironischen Sinne, ihr Thema sei, hat Jane Gardam einmal gesagt, in allen ihren Büchern, mehr oder weniger, das Ende des britischen Empire. Was ja vermutlich auch das Ende aller OBEs wäre.

© Hanser

Ironie also, gepaart mit ein wenig Nostalgie – das setzt den Ton dieses Buches, beides verleiht ihm etwas Heiteres, durch das allerdings immer etwas Dunkles scheint. Das ist zunächst nur so ein Gefühl. Der alte Richter – spöttisch von sich selbst Old Filth genannt, für Failed in London try Hongkong – ist natürlich keineswegs ein Versager, sondern einer, der mit einer exemplarischen Karriere gesegnet ist, man trifft ihn, im Ruhestand, auf seinem Anwesen im Speckgürtel Londons. Und was Filth angeht, keine Spur von Altherren-Aroma, niemand, der eleganter wäre als Old Filth mit seinen goldgelben Seidensocken in makellos polierten Schuhen. Old Filth, mit bürgerlichem Namen Edward Feathers (kleine Bosheit gegenüber einem, der qualvoll stottert), ist, so wurde in England angemerkt, die letzte Erscheinung eines Gentlemans jener Epoche, die schwärmerisch Edwardian genannt wird und etwas meint, das so herrlich war wie eine endlose Sommerparty bei mildem Wetter, in der die Welt nahezu komplett britisch erschien. Ein Kosmos, in dem legendärerweise die Sonne nie unterging! Jene Ära, in der das Empire noch einmal erblühte, so wie Tulpen es tun: sich verschwendend, bis sie durchsichtig sind wie brüchige Seide – und dann tot. Präziser: Der Traum wurde beendet durch Weltkrieg 1 + 2. Betty, Feathers’ Gattin, stirbt übrigens beim Tulpensetzen. Wirkt zunächst harmlos. Ist aber auch nur Oberfläche. Gerade noch hat Betty es geschafft, ein verräterisches Perlencollier tief zu verbuddeln, eine sehr britische Art, Komplikationen wie die berüchtigte Halsbandaffäre zu vermeiden, in deren erotisch-politischen Komplikationen sich einst das rivalisierende Frankreich verstrickt hatte.

Der Eindruck heiterer Schönheit entsteht hinsichtlich einer Epoche und im Besonderen hinsichtlich des Empire natürlich immer nur, weil so vieles ausblendet wird, was unerfreulich war – etwa das brutale Durchregieren. Die Gnadenlosigkeit der sich als effektiv gefallenden Bürokratie, die Kleingeistigkeit der Menschen, die in dieser Maschine die Rädchen gaben. Die Kälte und Gedankenlosigkeit einer satten Gesellschaft im Umgang miteinander, mit Kindern, zuletzt jedes Einzelnen mit sich selbst, nun ja, auch mit der Welt. Diese Ausblendung, besser, diese Verdrängung entfaltet die Autorin souverän als Strukturprinzip ihres kleinen Romans. Er ist nämlich nur so klein und leicht, weil er über die dunklen Seiten hinweghüpft. Gardam versteckt das Unerfreuliche unter leicht dahingeplauderten Sätzen, die Übersetzung von Isabel Bogdan ist übrigens ein großartiger Gegenbeweis zu der oft bemühten These, so leicht und witzig wie die Engländer könne man leider nicht sein, in diesem schweren Deutsch. Gardam überblendet Schreckliches in komischen Szenen, überspringt von einem Kapitel zum anderen Abgründe, von denen trotzdem für Feathers ein böser Sog ausgeht. Die Autorin gestaltet Verdrängung ästhetisch, politisch und psychologisch. Ihr Old Filth zelebriert die Verdrängung virtuos, während Betty sich der Korrespondenz und dem Garten widmet. "Wie sollte ich sonst funktionieren?", sagt er. Und weiter heißt es: "Fakten, Erinnerungen, der Schmerz des Lebens – oder chaotischer Lebensumstände – müssen vergessen werden. Filth hatte Menschen zum Tode verurteilt. Hatte miterlebt, wie Unschuldige verurteilt wurden. Als Kronanwalt schätzte er, dass die Hälfte seiner Fälle zu falschen Urteilen geführt hatte. In Hongkong lebten die Richter in einer Enklave von Palästen hinter Tag und Nacht bewachten Stahltoren."

Schreckliches ist Old Filth als Kind widerfahren. Er ist, wie Betty, ein sogenanntes Raj-Waisenkind, wurde verschifft mit vier anderen aus den Kolonien, ins Mutterland, wo diesen Waisenkindern nicht selten kalte Ersatzfamilien drohten, dann sadistische Zurichtung in Internaten, inklusive Missbrauch, so schmiedete das Empire aus Raj-Waisen neue Kolonialbeamte. Betty und Edward Feathers sind, bei allen wunderbaren Idiosynkrasien, durchaus typische Charaktere, auf grausame Weise ist ihr freundliches Wesen eingeengt, sie verkörpern einen Nationaltypus, der den britischen Habitus bis heute prägt. Kein Land hat es wie England geschafft, die qualvolle Hemmung der Rede, an der auch Feathers leidet, zum Statussymbol zu erheben – als Oxford-Gestotter. Es ist in Feathers Makellosigkeit die einzige Spur von Kontrollverlust. "Er hat sich selbst gemacht", sagt eine alte Freundin nicht ohne Bitterkeit: "Diese tadellose Selbstbeherrschtheit."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Den Erzählfaden bildet Filths Lebensweg, diesen Faden erfasst Gardam mit festem Zugriff an einem schmerzlichen Punkt, dem Tod von Betty. Von hier aus zerfällt Feathers’ Leben in zwei Erzählstränge, einen kürzeren, der zu Feathers’ Ende führt, er bildet das Rückgrat des Romans. Während sich Feathers auf dieser kleinen letzten Strecke befindet, abrupt aufbrechend zu kleinen Exkursionen, schweift die Erzählung zurück entlang des längeren Fadens bis zu seiner Geburt in Malaysia – bei der die Mutter starb – zu seinen ersten Lebensjahren in der warmen Gemeinschaft der Dienstboten, zu seiner Verschiffung, die einem Kidnapping gleicht. Die Entsetzlichkeiten in der Pflegefamilie schnurren zusammen im Blick auf ein weißes Kindergesicht. Die Jahre im ersten Internat sind komprimiert in einer Bemerkung über die sexuellen Präferenzen des Direktors. An all das erinnert sich Feathers in diesen letzten Monaten seines Lebens, aber weil es eben um Verdrängung geht, wird nie ganz klar, wie viel er selber von den Schrecklichkeiten wahrnimmt, die ihm widerfahren sind und die fernzuhalten ihm Betty so treu über die vielen Ehejahre geholfen hat. Nicht dass sie je darüber offen geredet hätten. Auch die Ehe bildet ja vor allem eine freundliche Oberfläche. Es fehlt nicht an Hinweisen, wie trügerisch die ist. Aber solche Signale wirken wohl weniger auf Feathers als in Richtung des geneigten Lesers, der dadurch gegenüber der Hauptfigur einen kleinen Verständnisvorteil bekommt.

So plaudert sich der Roman dahin. Vieles erhält erst im Nachhinein seine Komik, wie etwa Feathers’ Erleichterung, dass Betty nicht mehr erleben muss, wie sich sein ärgster Feind als Nachbar eingenistet hat (Betty war ihm in einer libidinösen Beziehung sehr verbunden). So böse es auch wird in diesem Buch, man kann sich darauf verlassen, dass man lächeln muss oder gelegentlich laut lachen. Dabei ist das Schönste noch nicht berichtet, dass es sich um Band eins einer Trilogie handelt, der zweite kommt im Mai!

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann. Roman; aus dem Englischen von Isabel Bogdan; Hanser Berlin, Berlin 2015; 349 S., 22,90 €