"Evangelikale", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel, "sind für mich intensiv evangelische Christen." Sie sagte es, als sie vor fünf Jahren die drei Spitzenmänner der evangelikalen Bewegung empfing. Es gibt so viele Evangelikale, dass die Kanzlerin sie nicht übergehen darf. Angela Merkel formte mit beiden Händen ihre Raute der Macht, die Evangelikalen falteten die Hände. Sie haben gelernt, die Mächtigen zu gewinnen. Aber sie streiten sich, wenn sie selber Macht bekommen.

Gerade ist ihr Spitzenmann Michael Diener in die Führung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt worden. Doch ein geraumer Teil der intensiv Evangelischen hält die Amtskirche für lau und lasch. Nun streitet sich die Bewegung, und vielleicht wird sie sich deshalb am Wochenende spalten. Der Patriarch der Bewegung, Ulrich Parzany, hat sich aus dem Ruhestand zurückgemeldet und einen Aufstand gegen Michael Diener angezettelt. Im Streit der zwei spiegelt sich die Uneinigkeit der Evangelikalen.

Dabei freut sich Parzany, dass die Bundeskanzlerin seine Bewegung so treffend beschreibt. "Das muss ihr Hermann Gröhe beigebracht haben", sagt er bei einem Spaziergang im Essener Grugapark. Gröhe kommt aus dem CVJM. Parzany war 21 Jahre lang dessen Generalsekretär. Wenn sich Evangelikale wie der Gesundheitsminister in der Politik tummeln, ist ihm das lieber, als wenn sie sich, wie Michael Diener, mit der EKD verbünden. Hier in Essen ging es 1976 so richtig los mit der evangelikalen Bewegung in Deutschland. Parzany, damals Jugendpfarrer in Essen, organisierte den Jugendkongress "Christival". Billy Graham flog aus den USA ein, der größte Erweckungsprediger des Jahrhunderts. 40.000 Besucher kamen ins Grugastadion. Es sei kalt gewesen damals an Pfingsten, erinnert sich Parzany. "Aber nicht so kalt wie heute."

In Essen bedeckt an diesem Sonntagmittag der erste Schnee das Grün, die Wege sind geräumt. Immer wieder bleibt Ulrich Parzany stehen, hält inne und schwärmt von diesem ersten großen Glaubensfest.

Mit seiner kantigen Ruhrgebietssprache, die aufgeschlagene Bibel in der ausgestreckten Hand, schießt Parzany in Gottesdiensten und in Glaubenskursen Satz für Satz ins Publikum. Der 74-Jährige ist der deutsche Billy Graham. Doch ein "Maschinengewehr Gottes", wie der US-Amerikaner auch genannt wird, sei er nicht. Er wolle niemanden erschießen – "aber zündeln will ich schon!" Bei der Ordination habe er sich zur Wahrheit verpflichtet. "Ich werd doch nich zum Lüchner!", sagt er. Eine offene Gesellschaft brauche den offenen Diskurs. Beim Spazierengehen hört sich das bescheiden und zurückhaltend an. Er könnte der freundliche ältere Herr sein, mit dem man sich lange über Gott und die Welt unterhält. Schreibt man seine Sätze auf, klingen sie schrill und nach einem verbitterten alten Mann.

Der verbitterte alte Mann in ihm hat jetzt ein Memorandum verfasst. Das fordert "Widerstand gegen die Irrlehren, die in den evangelischen Kirchen vertreten und gefördert werden". Zum Wochenende hat er 60 Gleichgesinnte an seinen Wohnort Kassel eingeladen, Männer wie er, auf die Evangelikale hören. Mit den intensivsten der intensiv Evangelischen möchte er ein "Netzwerk Bibel und Bekenntnis" gründen. Und sich gegen zwei Dammbrüche stemmen: Bibelkritik und Homosexualität. Daran krankt nach seiner Ansicht die evangelische Kirche, und die Evangelikalen haben sich bereits angesteckt. In seinem Memorandum heißt es: "Wir verwerfen die falsche Lehre, homosexuelle Beziehungen entsprächen dem Willen Gottes und dürften von den Kirchen gesegnet werden." Gerade hat die rheinische Kirche beschlossen, homosexuelle Paare zu trauen.

Sein Gegenspieler und Freund Michael Diener, mit dem er sonntags den gleichen Gottesdienst besucht, akzeptiert, wenn evangelische Christen Homosexualität normal finden. Das war für Parzany zu viel. Diener verrate die Wahrheit der Heiligen Schrift, schleuderte er ihm entgegen. Der Vorstand der Evangelischen Allianz sprang Diener halbherzig bei: Er sprach seinem Vorsitzenden das Vertrauen aus – doch Dieners Position zur Homosexualität liege quer zu den Verlautbarungen der Allianz. Parzany sagt, homosexuelle Handlungen seien nach der Bibel Sünde. Im Gespräch zieht er Vergleiche zu Päderastie und Polyamorie. Polygamie werde jetzt, wo der Familiennachzug der Flüchtlinge geregelt werde, auch wieder relevant. "Wie die Gesellschaft diese Frage beantwortet, entscheidet die Mehrheit", sagt er. "Für die christliche Gemeinde halte ich solche Beziehungsformen für nicht akzeptabel."