Spanische Polizisten beobachten Flüchtlinge, die auf dem letzten Grenzzaun gestoppt wurden. © JOSE COLON/AFP/Getty Images

Rund hundert junge afrikanische Männer rennen auf einen Zaun zu. Sie wollen drei Metallgitter überwinden, die dicht hintereinanderliegen. Noch bevor sie das erste erreichen, stehen ihnen schlagstockschwingende Polizisten der marokkanischen Forces Auxiliaires im Weg. Für zwei, drei Dutzend der jungen Männer ist die Flucht bereits hier zu Ende. Die übrigen hasten weiter, nur die kräftigsten gewinnen diesen Wettlauf. Bloß eine Minute bleibt für den "Sprung über den Zaun", wie man hier sagt. Spätestens dann ist auf der anderen Seite die paramilitärische spanische Guardia Civil aufmarschiert. Ihre Seite gehört schon zu Europa.

Melilla ist ein historisches Kuriosum. Obwohl auf afrikanischem Boden gelegen, gehört die Mittelmeerstadt wie der 300 Kilometer entfernte Ort Ceuta seit einem halben Jahrtausend zu Spanien. Wer es aus Marokko hierher schafft, ist in Europa angekommen. Und nach Europa wollen viele Flüchtlinge. Darum hat Spanien hohe Schutzwälle um diese Städte gezogen und weist alle, die sie zu überwinden versuchen und dabei erwischt werden, mithilfe des marokkanischen Regimes zurück.

Der erste und der dritte Zaun sind sechs Meter hoch, der mittlere misst die Hälfte. Dazwischen verläuft ein dreidimensionales Drahtgeflecht. Wer da hineinrutscht, verfängt sich mit Armen und Beinen. Auf einigen Zaunspitzen liegt außerdem ein messerscharfer Natodraht, an dem sich Flüchtlinge immer wieder schwer verletzen, manchmal sogar lebensgefährlich. Über das erste und dritte Gitter spannten die Spanier zudem ein engmaschiges Stahlnetz. Die Löcher sind so klein, dass die Finger nicht hineingreifen und Halt finden können. Wer hinüberklettern will, muss sich Metallhaken ums Handgelenk binden und Schrauben in die Schuhsohlen drehen.

Wachtürme überall. Mit ihren Kameras kann die Guardia Civil bis zu sieben Kilometer in das marokkanische Gebiet hineinschauen, Bewegungsmelder schlagen Alarm, eine Direktleitung verbindet die Meldezentrale mit der marokkanischen Polizei. Gerade fünf Flüchtlinge schaffen es an diesem Novembertag hinüber nach Melilla. Vier von ihnen nur, weil sie sich am Zaun verletzt haben und vom Roten Kreuz ins Krankenhaus gebracht werden. Alle anderen bleiben im Stahlgeflecht zwischen Afrika und Europa hängen.

Gemeinsam zerren spanische und marokkanische Polizisten die Flüchtlinge von den Gittern und eskortieren sie durch kleine Türen im Maschendraht zurück auf marokkanisches Gebiet. Dort warten bereits Busse, die sie an einen unbekannten Ort bringen. Menschenrechtsorganisationen wie Prodein aus Melilla berichten, die marokkanische Polizei misshandele die Flüchtlinge "zu Abschreckungszwecken" und setze sie in unwegsamem Gelände aus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Bis zum dritten Zaun dringt nur eine Handvoll Afrikaner vor. Qualvolle zehn Stunden klammern sich die Flüchtlinge am Maschendraht fest. Dann geben auch sie auf und werden unverzüglich abgeschoben. "Por favor", bitte, bitte, rufen sie immer wieder und zeigen auf ein Haus, nur wenige Hundert Meter entfernt, direkt neben dem Golfplatz von Melilla. Es ist die Flüchtlingsnotunterkunft Ceti. Doch die Polizisten der Guardia Civil schütteln den Kopf. Der Weg über den Zaun sei illegal, rufen sie zurück.

"Unmenschlich" nennt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International das spanisch-marokkanische Grenzregime, sie spricht von "heißen Abschiebungen" und sagt, diese seien absolut rechtswidrig. Denn der Zaun stehe auf spanischem Gebiet, Flüchtlinge müssten dort folglich um Asyl bitten können. Spanien muss sich deshalb vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg verantworten.