Seit einiger Zeit ist häufig zu beobachten, dass vor allem junge Menschen wild herumspringen, während sie fotografiert werden. Gibt man bei Google Stichworte wie "Menschen springen" oder "people jumping" ein, stößt man auf unzählige Fotos, auf denen das Gehopse in allen möglichen Variationen zu bestaunen ist. Das Springen vor der Kamera scheint sich wie eine Seuche auszubreiten.

Warum springen die Menschen heute vor der Kamera? Sind wir nicht von Müdigkeit und Depression geplagt? Springen sie etwa vor Freude und Glück? Ist das Springen Ausdruck zunehmender Vitalität in unserer Gesellschaft? Oder sind die Sprünge eher pathologische Zuckungen des narzisstischen Egos?

Als Fotos früher vor allem zum Zweck des Andenkens gemacht wurden, stellte man sich brav und gesittet hin. Niemand wäre auf die Idee gekommen herumzuspringen. Damals wollte man vor allem den Augenblick festhalten, um sich später an ihn erinnern zu können. Man nahm sich zurück zugunsten des Ereignisses. Man verschwand hinter dem Augenblick oder dem Anlass, dem das Andenken galt. Niemand wollte sich selbst darstellen oder gar ausstellen. Niemand buhlte um Aufmerksamkeit. Jene Fotos hatten also keinen Ausstellungswert, sondern einen Kultwert.

Walter Benjamin weist in seiner berühmten Schrift Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit darauf hin, dass in der Fotografie der Ausstellungswert den Kultwert auf der ganzen Linie zurückdränge. Der Kultwert sei aber nicht ganz widerstandslos zurückgewichen, sondern habe eine letzte Verschanzung bezogen. Sie sei das "Menschenantlitz". So stehe das Porträt nicht zufällig im Mittelpunkt der frühen Fotografie. Im Kult der Erinnerung an die fernen oder verstorbenen Lieben habe der Kultwert des Bildes die letzte Zuflucht gefunden. Im flüchtigen Ausdruck eines Menschengesichts leuchte aus den frühen Fotografien die Aura zum letzten Mal auf. Das sei es, was ihre schwermutvolle und mit nichts zu vergleichende Schönheit ausmache. Wo aber das Menschenantlitz aus der Fotografie sich zurückziehe, da trete erstmals der Ausstellungswert dem Kultwert überlegen entgegen.

Seit Facebook ist das Menschenantlitz nur noch ein face

Für die Dinge, die im Dienste des Kults stehen, ist es wichtiger, dass sie vorhanden sind, als dass sie ausgestellt und gesehen werden. Ihr Kultwert hängt von ihrer Existenz und nicht von ihrer Exposition ab. In unserer Gesellschaft dagegen, in der die Dinge, alle nun zur Ware geworden, ausgestellt werden müssen, um überhaupt zu sein, verabsolutiert sich der Ausstellungswert. Alles, was in sich ruht, bei sich verweilt, hat keinen Wert mehr. Den Dingen wächst nur dann ein Wert zu, wenn sie ausgestellt und gesehen werden. Auch Menschen verhalten sich wie Waren. Sie stellen sich aus, produzieren sich, um ihren Ausstellungswert zu erhöhen.

Jenes Menschenantlitz mit seinem Kultwert ist heute ganz aus der Fotografie verschwunden. Das Zeitalter des Facebook macht aus dem Menschenantlitz ein face, das ganz in seinem Ausstellungswert aufgeht. Das face ist das ausgestellte Gesicht ohne jene Aura des Blicks. Es ist die Warenform des Menschenantlitzes. Dem Blick wohnt eine Innerlichkeit, eine Zurückhaltung, eine Distanzierung inne. So ist der Blick nicht ausstellbar. Er muss zerstört werden, damit das Gesicht sich zum face kommodifiziert.

Erst von der Ausstellungswut her wird verständlich, warum die Menschen heute vor der Kamera herumspringen. Der Augenblick oder das Ereignis, dem der Kult der Erinnerung gälte, verschwindet. Jeder drängt sich vor und stellt sich aus. Ich soll ja Marke sein. Die Fotografie wird dadurch weltlos. Die Welt verkommt zur schönen Kulisse des Egos.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Es entsteht heute eine Fotografie ohne Erinnerung und Geschichte, eine Fotografie, die gleichsam immer auf dem Sprung ist, eine Fotografie mit ganz anderer Zeitstruktur, eine Fotografie ohne temporale Weite und Tiefe, eine Fotografie, die im Augenblick flüchtiger Emotion aufgeht, eine Fotografie, die nicht narrativ, sondern bloß deiktisch ist. Beim Springen wird der ganze Körper wie ein Zeigefinger eingesetzt, der auf sich selbst hinweist.

Das Wesen der Fotografie ist für Roland Barthes "Es-ist-so-gewesen". Es verleiht ihr den Kultwert. Das digitale Bild ist dagegen ohne Alter, Schicksal und Tod. Eine permanente Präsenz und Gegenwart zeichnet es aus. Es ist kein Erinnerungsmedium mehr, sondern ein Ausstellungsmedium wie das Schaufenster.

In dem Fragment Das Heimweh ohne Heim – Der Wanderer schreibt Nietzsche: "Der Gott, den sie sich einst aus Nichts geschaffen – was Wunders! Er ist ihnen nun zu Nichts geworden. Übereilig gleich springenden Spinnenaffen." Diese springenden Spinnenaffen nannte Nietzsche auch "letzte Menschen". Sie gleichen jener "Herde", die "umherspringt", "kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks". Heute springen Nietzsches "letzte Menschen" vor der Kamera. Es entsteht ein neuer Mensch: Homo saliens – der springende Mensch. Dem Klang nach ist er zwar dem Homo sapiens verwandt, aber die Tugend der Einsicht und Weisheit, die den Homo sapiens auszeichnete, ist aus ihm ganz gewichen. Er springt um Aufmerksamkeit.