Der Himmel hängt zwar voller Geigen, wie es so schön heißt, doch verschenkt wird dort oben nichts. Die besten Instrumente kosten ein Vermögen und sind längst verkauft, verliehen oder liegen in Tresoren. Leider ist das Firmament auch dafür berüchtigt, dass sich Schwarze Löcher öffnen, die Materie verschlingen und nicht wieder preisgeben. Einen solchen astronomischen Schreckensmoment erlebte im vergangenen Februar der Geiger Frank Peter Zimmermann. Seit 2002 spielte er – als Leihgabe der WestLB und ihres Rechtsnachfolgers Portigon – die Lady Inchiquin aus der Werkstatt des großen Antonio Stradivari; die beiden waren ein Herz und eine Seele, schier siamesisch verwachsen miteinander. Zimmermann entlockte ihr Farben, von denen selbst das Elysium keine Vorstellung hat. Als das finanziell angeschlagene Portigon den Leihvertrag nicht verlängerte, stand Zimmermann plötzlich ohne Geige da. Seither brannte in ihm ein Phantomschmerz.

Jetzt ist der Künstler in Deutschland erstmals wieder mit einem Instrument zu hören, bei dem ihm das Herz aufgeht (mit den Berliner Philharmonikern spielt er dreimal das Violinkonzert von Magnus Lindberg). Es ist abermals eine Stradivari und nicht irgendeine: Es handelt sich um die General Dupont, die einst der berühmte belgische Geiger Arthur Grumiaux besaß. Wie viele seiner Kollegen ist auch Zimmermann Dogmatiker. Ein Instrument der ruhmreichen Geigenbauer-Familie Guarneri kann bei Brahms oder Sibelius männlich auftrumpfen, sodass man sich im Saal einer herrlichen Kanone mit vier Saiten gegenüber wähnt. Doch wer es rätselhaft und schimmernd liebt, feinsinnig und singend, der wählt eine Stradivari – was auch an ihrem kapriziösen Anspruch liegt.

Eine "Strad" gibt sich nur Auserwählten zu erkennen, will erobert werden, benimmt sich wie eine Diva. Dafür bedankt sie sich mit Nuancen, für die es keine Worte gibt. Bei unserem Treffen in Köln wählt Zimmermann einen Vergleich aus der Kunstgeschichte: "Die Guarneri gleicht einem Caravaggio. Eine Stradivari ist wie ein Michelangelo."

So bitter Zimmermanns Abschied von der Lady Inchiquin war, so elektrisierend verlief die erste Begegnung mit der neuen Stradivari: "Ich spielte am 19. Oktober in Shanghai mit dem WDR-Sinfonieorchester Köln das Brahms-Konzert. Um 18.50 Uhr, kurz vor der Anspielprobe, klopfte ein Herr an meine Garderobentür und fragte, ob ich seine Geige ausprobieren wolle. Die Zeit war extrem knapp, aber der Herr war reizend in der Art, in der er mich beschwor, und ich tat ihm den Gefallen. Ich spielte drei Töne – und war wie vom Donner gerührt. Ich hielt eine unglaubliche Violine in Händen und hatte eine Eingebung: Sollte dies das legendäre Instrument Arthur Grumiaux’ sein, das vor einem Jahr ein unbekannter chinesischer Käufer in New York für eine unbekannte Summe erworben hatte? Und sollte dieser Herr wissen, dass ich eine Geige suchte?"

Ein Blick auf die Decke des Instruments gegenüber dem F-Loch brachte Gewissheit: Dort prangt ein schwarzer Fleck, der als das Muttermal der General Dupont gilt. Herr Yu (so sein Name) willigte ein, dass Zimmermann das Instrument sogleich mit aufs Podium nahm. Eigentlich hatte Herr Yu die Geige einem chinesischen Nachwuchstalent leihen wollen, doch keiner vermochte ihr solche Töne zu entlocken wie Zimmermann. Der darf sie jetzt für drei Jahre spielen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Von Zimmermann heißt es, dass er eine Holzschachtel zum Klingen bringen könne. Mit einer Stradivari aber tun sich neue Dimensionen auf. "Jede Stradivari ist eine Sphinx für sich", erzählt der Geiger. "Sie stellt dir nicht drei, sondern dreißig Rätsel. Sie kann bockig sein. Aber wenn du sie ergründet hast, schenkt sie dir Einsicht in die letzten Wahrheiten." Das Konzert in Shanghai jedenfalls sei eine Offenbarung gewesen: "Die Geige spielte sich insgesamt wie Öl, trotzdem musste ich ein paar Mal fluchen. Herr Yu hatte die Saiten lange nicht gewechselt, sie sprachen schlecht an." Zimmermanns erste Amtshandlung: Er folgte jenem Rat, den ihm vor 25 Jahren der Geiger Salvatore Accardo gegeben hatte, und spannte Darmsaiten auf die tiefen Lagen. "Jetzt atmet das Spiel, es ist so, als ob man durch eine Wolke geht, die Saiten sprechen ganz leicht an, anders als synthetische Saiten, die nur laut sind. Selbst ein Pianissimo klingt auf Darmsaiten wie von selbst, man kann wirklich unglaublich leise spielen."

Für einen Geiger wie Zimmermann sind solche Voraussetzungen lebenswichtig. Er ist das Gegenteil des musikalischen Muskelprotzes, ein sensibler, von Skrupeln geplagter, sich und seinen Ton immer wieder prüfender Künstler. Das zahlt sich aus. Seine Ausdruckskraft, seine stilistische Kompetenz und Brillanz werden derzeit nur von wenigen Kollegen erreicht. Dabei kommt es Zimmermann gelegen, dass die General Dupont ihrerseits Vorlieben hat. Bei Mozart, Bach oder Mendelssohn spinnt sie helle, glühende Fäden in die Luft, zugleich scheint es, als schaue man der Musik auf den Grund. Die Lady Inchiquin hingegen war auch für deftigeres Repertoire famos. Zimmermann: "Die G-Saite der Lady klingt wie ein alter, undurchdringlicher Bordeaux. Die der General Dupont erinnert mich an einen Burgunder." Natürlich träumt er immer noch von der Lady, seiner alten Liebe. Ob diese Liebe jemals vergehen wird?

Herr Yu hatte sich Frank Peter Zimmermann genau ausgesucht, und als die beiden sich kennenlernten, erfuhr der Musiker, dass Yu einen deutschen Pass besitzt und in Berlin lebt. In China ist er mit dem Import deutscher Wandfarben wohlhabend geworden. Demnächst importiert er auch einen echten Zimmermann: Der soll der Yu-Stiftung helfen, in China den Geigernachwuchs zu fördern und zu beraten. Ein Deal, auf den sich Zimmermann gerne einlässt. "Dafür spiele ich jetzt auf einer Stradivari, die auch im Weltraum zu hören ist." Damit meint er die legendären Datenplatten, die mit den Raumsonden Voyager 1 und 2 ins All geschossen wurden, damit Außerirdische dereinst unser musikalisches Vermächtnis bestaunen können. Die Platte enthält Musikstücke aller Genres – und zwei Sätze aus Bachs E-Dur-Partita, gespielt von Arthur Grumiaux auf der General Dupont. Jetzt ist es an Frank Peter Zimmermann, diese legendäre Stradivari vom Himmel wieder auf die Erde zu holen.