In den neuen Räumen sollen sich die Mitarbeiter der Akademie mit "Aus- und Fortbildung", "Entwicklung und Innovation" und der "Spitzenleistung Fußball" beschäftigen. Was genau geplant ist, kann man hinter Begriffen wie Thinktank, Open-Innovation-Network, Technology-Labs, Wissensmanagement oder Kommunikation bisher nur erahnen.

Seit Bekanntwerden des Skandals um die noch immer nicht geklärte Zahlung von 6,7 Millionen Euro an die Fifa im zeitlichen Zusammenhang mit der Vergabe der WM 2006 ist die DFB-Zentrale in eine Schockstarre gefallen. Die Ermittlungsergebnisse der vom Verband beauftragten Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer werden im Februar erwartet. Wäre es nicht sinnvoller, die Untersuchung und ihr Ergebnis abzuwarten, bevor man sich der schönen neuen Welt mit den Grünflächen und "Modulen" widmet?

Bierhoff wollte sich, seitdem er nach seiner Profifußballkarriere in die Funktionärsebene gewechselt ist, nie damit abfinden, nur Verwalter zu sein. Das Aufräumen überlässt er nun anderen. Er sieht sich eher als Kreativer.

Die Frankfurter Bürger wehrten sich zunächst gegen den Bau des Leistungszentrums auf dem Gelände der im Jahr 1865 eröffneten Galopprennbahn. "Uns ist der Mehrwert aus dem Bau dieses Zentrums für die Stadt Frankfurt nicht ersichtlich", sagt eine der Gegnerinnen. Schließlich mussten auch die konservativen Kräfte des Verbandes selbst von der Idee überzeugt werden. Sie sind vor allem unter den Vertretern der 25.000 Amateurvereine zu finden. Diese haben, wenn sie geschlossen auftreten, die Mehrheit bei Abstimmungen über neue Projekte und wichtige Personalien. Die Amateure hievten einst Theo Zwanziger ins Amt des Präsidenten, auch Reinhard Grindel kann sich ihrer Unterstützung sicher sein.

Während Niersbach sich verstrickte, liefen McKinsey-Berater durch die DFB-Zentrale

Was sich die Profis im DFB wünschen, fiel bisher nicht weiter ins Gewicht. Sie verdienten das Geld, hatten aber wenig zu sagen.

"Der Mensch strebt immer nach einem Gleichgewicht, das im natürlichen Widerspruch zur Veränderung steht", sagt Bierhoff unter dem Eindruck seines Ringens mit den Beharrern beim DFB.

Als Wolfgang Niersbach im vergangenen Herbst noch um seinen Posten kämpfte, sich dabei immer tiefer in Erklärungsnot verstrickte, liefen bereits die Mitarbeiter der Beratungsfirma McKinsey durch das Verwaltungsgebäude an der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt. Bis Juni 2016 sollen sie im Auftrag von Projektleiter Bierhoff prüfen, wie die Organisation des Verbandes mit Blick auf die Neuausrichtung in der Akademie "nachhaltig und langfristig verbessert werden kann". Das Verwaltungsgebäude an der Otto-Fleck-Schneise jedenfalls wird abgerissen.

Alle, von der Nationalmannschaft über die Schiedsrichter und Trainer bis zu den Amateuren, könnten von der Akademie profitieren. Denn ein Ziel ist die Verzahnung verschiedener Tätigkeitsbereiche, alle sollen von allen lernen. Die Trainerausbildung wird nicht mehr in Köln, sondern in Frankfurt stattfinden. Führungskräfte können aus verschiedenen Sparten in Kursen gemeinsam geschult werden. Im "Technology-Lab" werden Angebote getestet, wie neues Material oder Trainingsgeräte, bevor sie gekauft und eingesetzt werden. Auch die medizinische Abteilung wird ausgeweitet und vom Institut für Sport- und Präventivmedizin der Universität Saarland mit Forschungsergebnissen gefüttert. Mit dem neuen Leistungszentrum könnten die Selbstherrlichkeit und die Bräsigkeit vergangener Jahrzehnte endlich überwunden werden.

Ist Bierhoff dafür der richtige Mann? Im Apparat galt der Wirtschaftswissenschaftler mit Nähe zu Wirtschaftsgrößen oft als verdächtiger Außenseiter. Besteht andererseits nicht die Gefahr, dass er als Manager der Nationalelf den Modernisierungsprozess zu sehr mit den Augen des Insiders betrachtet? "Ich werde das nicht allein umsetzen", sagt er. Rund vierzig Kandidaten wurden mit Unterstützung der McKinsey-Mitarbeiter für den Posten des Leiters für die Konzeptentwicklung der Akademie gesichtet. Zu den Anforderungen habe vor allem die Fähigkeit gehört, Strategieprozesse zu begleiten. DFB-Sportdirektor Hansi Flick und Bierhoff entschieden sich für den ehemaligen Hockeytrainer Markus Weise. Der 53-jährige gebürtige Mannheimer gewann mit den Damen und Herren insgesamt drei Olympiatitel. Seine Qualitäten, so erinnern sich Athleten, liegen in den Motivationsreden, die er vor den Spielen in der Kabine hielt. Weise ist ein Kommunikationstalent. Er überzeugte jedoch vor allem mit seinem "konzeptionellen Denken".

Weise muss das neue Konzept mit der Tradition des Verbandes verbinden. Der Ritt ins Ungewisse muss schnell zur Gewissheit werden. Beim DFB herrschte schon immer große Sehnsucht nach Stabilität – und gleichzeitig Angst vor Veränderungen, die Machtverlust bedeuten könnten. Neben dem Spagat zwischen Tradition und Moderne kommt die besondere Begleiterscheinung des Leistungssports hinzu, sich von Erfolg und Misserfolg treiben zu lassen. Bleiben die Siege aus, werden die Verantwortlichen entlassen und die Prioritäten neu definiert. Vielleicht ist die Entscheidung für den Bau der Akademie das größte Vermächtnis, das der ausgeschiedene, amateurkritische Niersbach durch seine Unterstützung des Projektes dem Verband hinterlassen konnte. Selbst wenn die Nationalelf bei der EM im Viertelfinale ausscheiden sollte, wird ihr Manager die Zukunft des DFB gestalten.