Ein Mann beim Sport mit Blick auf den Songhua Fluss in Jilin, China © Reuters

In unserer Zeit öffentlicher Daueraufregung gibt es immer jemanden, der eine neue Entwicklung sofort zum Megatrend erklärt. Vor ein paar Jahren hieß es von allen Seiten, den Menschen werde bald das Öl ausgehen – bis es auf einmal viel zu viel davon gab. Und als Lehman Brothers zusammenkrachte, wurde die Wall Street für tot erklärt; heute ist sie beinahe die einzig lebende Bankindustrie in den Industrieländern.

Natürlich kennen wir die Neigung der Menschen, stets das Neue zu dramatisieren und sich damit eine scheinbare Sicherheit darüber zu verschaffen, wie es weitergeht. Und gerade weil wir diesen Hang stets mitdenken und skeptisch geworden sind, glauben wir den Rufern nicht mehr und laufen Gefahr, die wenigen wirklichen Wendepunkte zu verpassen. Bloß keine Aufregung, ist alles in ein paar Monaten wieder vergessen, sagen wir dann routiniert.

Derzeit könnten wir aber an einem echten Wendepunkt stehen. Und doch tun wir so, als gäbe es ihn nicht. Viel spricht dafür, dass die Globalisierung, die viele Deutsche erst als Jobvernichter gefürchtet und dann als Jobmaschine schätzen gelernt haben, nicht mehr wie gewohnt weitergeht. Dass der weltweite Wettbewerb, in dem die Bundesrepublik sich zuletzt so eindrucksvoll durchsetzen konnte, sein Wesen grundlegend verändert.

Es sind drei Kräfte am Werk, die sich gegenseitig verstärken.

Erstens ist die chinesische Wirtschaft nach einem Vierteljahrhundert nun ernsthaft angeschlagen. Die Aktienkurse purzeln, der Währungskurs sinkt, halb fertige Immobilienvorhaben liegen brach, Containerschiffe werden nicht voll – all das zeigt, weit über offizielle Konjunkturdaten hinaus, dass die Werkbank der Welt im Umbruch steckt. Während die Löhne für simple Massenproduktionen schon reichlich hoch sind, fehlen die Innovationen, um mit höherwertigen Produkten so kräftig zu wachsen wie früher mit Plastikspielzeug.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Das allein würde als Herausforderung für westliche Unternehmen schon reichen, weil viele von ihnen ihr Geschäft zuletzt fast nur noch in Fernost erweitern konnten. Doch deutsche Exporteure müssen sich zusätzlich mit dem veränderten Geschmack der Chinesen auseinandersetzen. Von Peking bis Shenzhen ist der Renner nicht mehr automatisch der neueste VW, BWM, Mercedes – viele bevorzugen neuerdings günstige SUVs des chinesischen Herstellers Great Wall, den man bei uns kaum kennt. Und es hilft den Deutschen auch nicht gerade, dass eine umweltbewusste chinesische Regierung jetzt Autos mit kleinen Motoren fördert.

Zweitens sind die Rohstoffpreise am Boden. Förderer von Öl oder Eisenerz haben auf ein fortwährendes Wachstum in China gesetzt – und erst einmal verloren. Auch echte Trends haben eben eine Halbwertszeit. Die Folge: Öl war seit zwölf Jahren nicht mehr so billig wie heute, Eisenerz seit sieben Jahren. Nicht besser geht es vielen Bauern, die für den Weltmarkt produzieren. Die Preise für Sojabohnen und andere Massenwaren sind im Keller, und die Ernährungsexperten der UN rechnen damit, dass sie zumindest in den nächsten acht Jahren dort bleiben.

Diese massive Entwicklung zieht viele Schwellenländer nach unten und macht aus der chinesischen Schwäche eine Krise der größten Hoffnungsträger der Weltwirtschaft. Nicht nur Ölstaaten wie Russland und Saudi-Arabien: Die Wirtschaft Brasiliens, Bauernhof der Welt und einer ihrer größten Erzlieferanten, schrumpft dramatischer, als sich das irgendjemand hat vorstellen können.