Jenes Mischwesen, welches mir im Frühling 2013 in Hemd und Jeans in einem Stuttgarter Café gegenübersitzt, sieht aus wie ein ganz normaler Mittvierziger mit leichten Geheimratsecken. Nur sein türkisfarbener Brillenbügel ist auffällig breit. Am vorderen Ende sind eine kleine Kamera eingearbeitet und ein Prisma. Seine rechte Hand steckt in der Hosentasche.

Thad Starner ist nicht allein. Er hat sein "System" bei sich. Das erkennt man an seiner Google-Brille und einer nahezu unsichtbaren rechteckigen Spiegelung auf seinem Auge. In seiner Hosentasche trägt er eine Fünf-Finger-Tastatur. Starner ist Professor am Georgia Institute of Technology und ein Pionier der Erforschung anziehbarer Computer (Wearable Computing) . Fast sein halbes Leben lang, seit mehr als 20 Jahren, trägt er wechselnde Versionen eines Prototyps am Körper. Er sieht sein System als Erweiterung seines Gehirns.

Begeistert spricht er, lacht dabei oft und wendet den Blick kein einziges Mal ab. Er berichtet keine Erlebnisse des Tages, sondern erzählt Episoden aus seinem ganzen Leben, und zwar mit Jahreszahlen, Namen, Begegnungen, Schlüsselereignissen. Die nötigen Stichworte spiegelt ihm die Datenbrille auf die Netzhaut, und dazu kommen eingehende Anrufe und Nachrichten, ganz unauffällig. "Aufmerksamkeit ist unsere wertvollste Ressource", sagt Starner, unser Gespräch würde nicht unterbrochen – er protokolliere es übrigens gerade.

Bevor ich "Äh, was?" sagen kann, hat er meinen irritierten Blick schon bemerkt: Das mache er immer, betont er, so könne er beim nächsten Gespräch direkt ans vorherige anknüpfen und wisse obendrein mit einem Klick, wer ihm gegenübersitze, ob derjenige Kinder habe und was sonst noch interessant sein könnte. Verwerflich, wieso? Politiker hätten doch auch Assistenten, die ihnen ständig etwas einflüsterten. Und, mal ehrlich, er zeigt auf mich: Dieses Hantieren mit Zettel und Stift sei doch ziemlich umständlich.

Welch ein Traum! Jeden Menschen auf Anhieb wiedererkennen, nie mehr zweimal denselben Witz erzählen, alles jemals Gewusste auf einen Klick vor Augen haben. Aber will ich zum Datensatz dieses Systems werden, das Starner da bei sich trägt? Zu spät. Ich bin bereits drin.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Solche Begegnungen könnten Alltag werden. Auch europäische Wissenschaftler arbeiten an einer Erweiterung unseres Gedächtnisses. Mit zwei Millionen Euro fördert die EU derzeit das Projekt Recall, in dem Forscher von fünf Universitäten aus der Schweiz, aus Großbritannien und Deutschland daran arbeiten, wie Computer künftig unser Leben protokollieren können – im Jargon der Experten: "Lifelogging". "Das ist näher, als viele glauben", sagt der Stuttgarter Informatiker Albrecht Schmidt, einer der deutschen Projektbeteiligten. Er glaubt, wir alle würden bald automatische Kameras tragen, kaum einer werde in Zukunft auf das perfekte Gedächtnis verzichten wollen. Automatische Kameras? Wer den Bestseller The Circle kennt, bekommt jetzt eine Gänsehaut. In dem Roman führen solche Kameras in eine totale Überwachung.

"Ich könnte dich jetzt auch filmen", sagt Thad Starner zum Abschied, "aber ich tue es nicht." Wie kann ich da sicher sein? "Wie sollte ich?", fragt er empört: Google Glass funktioniere mit Sprachbefehlen. Ich würde es hören. "Okay, Glass, take a picture", sagt er. "So, siehst du." Außerdem leuchtet ein rotes Lämpchen bei Betrieb der Kamera.