Deutschland irritiert seine Nachbarn und zugleich sich selbst. Da gibt es einerseits das überragende bürgerschaftliche Engagement und den guten Willen zur Integration von Flüchtlingen. Da hat andererseits die Silvesternacht in Köln bei etlichen Menschen Zweifel geweckt, teils sogar eine neue Welle der Gewalt erzeugt. Mehrere Studien aus jüngster Zeit bestätigen jedoch, dass die meisten Deutschen die Vielfalt bejahen und gleiche Rechte für Angehörige von Minderheiten fordern.

Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist robust, die Zahl der Beschäftigten hoch. Doch ökonomischer Erfolg bewahrt nicht automatisch vor sozialen Spannungen und politischer Reaktion. Das zeigen nicht nur die Ereignisse rund um die Silvesternacht, sondern es belegt auch beispielhaft der Blick nach Polen. Gemessen an der Aufnahme- und Integrationsbereitschaft vieler Nachbarländer, sind Umfang und Intensität des gesellschaftlichen Engagements hierzulande eindrucksvoll.

Jetzt, da die Debatte an Schärfe zunimmt, sollten wir uns daran erinnern: Der positive gesellschaftliche Wille hat es der Politik ermöglicht, die gesetzlichen Regelungen für Asylsuchende und Kriegsflüchtlinge mit einer 180-Grad-Drehung in kürzester Zeit auf Integration umzustellen. Der politische Pragmatismus, der vor ideologischen Traditionsbeständen nicht haltgemacht hat und zu einer faktisch veränderten einwanderungspolitischen Sichtweise führt, spiegelt das pragmatisch-positive Integrationsklima in der Gesellschaft.

Wir haben es mit zwei erstaunlichen Prozessen zu tun: der anhaltenden wirtschaftlichen Stabilität und einer beachtlichen gesellschaftlichen Offenheit. Doch woher rührt der ökonomische Fortschritt trotz verschärfter Wettbewerbsbedingungen durch Globalisierung und Digitalisierung? Woher rührt der Gewinn an Bürgerlichkeit, der den Interessenausgleich in spannungsvollen, verunsichernden Zeiten immer noch besser als andernorts ermöglicht?

Seit der Jahrtausendwende hat sich – jenseits der öffentlich dominierenden Agenda 2010 – in einer relativ engen Zeitspanne ein gesellschaftspolitischer Paradigmenwechsel vollzogen. Er speist sich aus einer Vielzahl gesetzlicher Änderungen sowie politischer Initiativen und ist in der Gesamtheit weit mehr als deren Addition. Es ist eine schleichende Revolution, bislang unbemerkt und versteckt in Einzelthemen. Im Zuge des Flüchtlingszustroms zeigt sich diese grundlegend veränderte gesellschaftliche Disposition. Die Reformen entsprangen zwar keiner umfassenden Agenda, sondern sehr konkreten Anlässen und spezifischen Motiven. Dennoch haben sie einen gemeinsamen Nenner: eine Modernisierung des gesellschaftlichen Lebens, die mehr Potenziale, mehr Offenheit und mehr Vielfalt schafft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Es hat viele gesellschaftspolitische Wegmarken seit der Jahrtausendwende gegeben, sie alle aufzuführen fehlte hier der Platz. Sie finden sich in den Bereichen Bildung und Weiterbildung ebenso wie bei der Regelung von Migration und Beschäftigung. Diversität und Gleichstellung wurden verbessert, und es wurde viel dafür getan, dass sich Familien- und Berufsleben besser miteinander vereinbaren lassen. Bürgerschaftliches Engagement wurde durch zahlreiche Gesetze und Initiativen erleichtert – und diese Liste lässt sich fortführen.

Im Bereich der Bildung war vor allem der Pisa-Schock für Deutschland heilsam. Zur Erinnerung: Bei der ersten Studie 2000 fand sich das Bildungsland Deutschland nur auf einem der mittleren Ränge wieder. Seitdem hat die Bildungspolitik wieder einen höheren Stellenwert bekommen und ist heute der Bereich mit den höchsten Ausgabenzuwächsen. Lange Zeit undenkbar, aber der Ausbau von Ganztagsschulen wurde zu einem bestimmenden Trend.