Im Sudan, einem der ärmsten Länder der Erde, steht Apostasie, also Abfall vom Glauben der islamischen Mehrheit, im Strafgesetzbuch. Das "Vergehen" ist mit dem Tod zu ahnden. Denn Generalleutnant Omar Hassan Ahmad al-Baschir, der sich 1989 im Sudan an die Macht putschte, hat sein Land zu einer fundamentalistisch- islamischen Republik gemacht.

Al-Baschir, in dessen Land ein zwanzigjähriger Bürgerkrieg tobte, ist der erste Regierungschef der Welt, gegen den der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag Haftbefehl erlassen hat. Der Vorwurf: Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord und Kriegsverbrechen. 2,7 Millionen Menschen sind in dem Land auf der Flucht, die Zahl der Toten geht in die Hunderttausende, die Justiz ist von Willkür bestimmt.

Baschirs Islam wird von den Muslimbrüdern aus Ägypten beeinflusst. Auch sie sind überzeugt, dass Abfall vom Glauben mit dem Tod bestraft werden muss. Doch Todesdrohungen gegen Konvertiten sind in der gesamten islamischen Welt verbreitet. Meist wird Apostasie durch Schariavorschriften untersagt. Nur wenige Länder, darunter Saudi-Arabien und Oman, haben das Verbot auch ins staatliche Strafgesetz geschrieben. Im Jemen hat es sogar Verfassungsrang. Doch Apostaten leben überall gefährlich. Zwar garantiert die afghanische Verfassung Religionsfreiheit, beruft sich aber auf die Scharia. So wurde der Konvertit Abdel Rahman – er hatte sich zum Christentum bekehrt – vor zehn Jahren in Kabul zum Tod verurteilt und nur auf internationalen Druck freigelassen. Heute lebt er im Asyl in Italien.

Das Apostasieverbot im Islam ist bis heute so stark, dass sogar Flüchtlinge in Deutschland mit dem Tod bedroht werden, wenn sie zum Christentum übertreten. Dabei ist der Religionswechsel in der UN-Menschenrechts-Charta ausdrücklich als Freiheitsrecht erwähnt. Doch die 1990 von islamischen Staaten beschlossene Kairoer Erklärung der "Menschenrechte im Islam" stellt die freie Meinungsäußerung, zu der auch die religiöse Freiheit gehört, unter den Vorbehalt der Scharia. So bleibt das Apostasie-Verbot bestehen.

Es wird übrigens nicht direkt aus dem Koran heraus, sondern mit den Sprüchen des Propheten begründet. Rechtlich relevant bleibt jedoch, dass der Koran den Islam als endgültige Offenbarung definiert, die allen anderen überlegen und höchstes Bildungsziel sei. Daher stellt der Abfall vom Glauben eine Leugnung wider besseres Wissen dar. Immerhin: Die meisten deutschen Muslimverbände sprechen sich heute gegen die Todesstrafe bei Religionswechsel aus. Der türkische Islamtheologe Yaşar Nuri Öztürk hält die Todesstrafe bei Apostasie für den größten Irrtum der islamischen Rechtsgeschichte.