Je weiter das politische Großbritannien gegenwärtig vom Kontinent abrückt, desto ertragreicher scheint die Neigung seiner Intellektuellen zum europäischen Deutschland zu sein. Kaum hat der Museumsmann Neil MacGregor mit seinem Porträt der diversitätserfahrenen deutschen Städte, Zünfte und Künste der Modernität Deutschlands seinen Respekt gezollt, möchte auf der Britischen Insel ein zweites Buch den deutschen modernen Riesen zugänglicher machen: In London hat nun der Aufklärungsexperte Matthew Bell Goethes Werke in einem Band herausgegeben, The Essential Goethe, auf Englisch, 1000 Seiten (Princeton University Press, 27,95 Pfd.). Das mag für die hektischen Freunde des Abkürzens immer noch nach viel klingen, ist aber fast wahnwitzig wenig, bedenkt man, dass allein die maßstäbliche Faust- Ausgabe von Albrecht Schöne gut 2000 Seiten umfasst und die alte Weimarer Werkausgabe 133 Bände, insgesamt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Es geht gut kürzer: Bell braucht für sein einführendes Werk- und Lebensporträt, das manchen Tausendseiter der Forschung leichthin ersetzt, nur 30 Seiten. "Ein Liebender, ein Denker, ein Gelehrter, ein Praktiker, ein Intellektueller der Kontroverse, ein Schriftsteller verschiedenster Stimmungslagen": Goethe. Die Ausgabe hält von der Einschüchterung durch geistige Großmänner nichts, sie möchte, dass die englischsprachige Welt das Werk liest. Die Goethe-Mischung ist gewinnend, nicht überwältigend: aufgeklärter Heide, Kant-Skeptiker, Spinozist, ein Sammler, unendlich neugierig, der Chaos entsetzlich fand, Sex unersetzlich, ein Weltkind. Die Textauswahl schreitet den Horizont ab, den Goethe entworfen hat, um Alternativen zur ruinösen Moderne zu zeichnen.

Auf 850 Seiten für Gedichte, Egmont, Iphigenie, Tasso, Faust, Wilhelm Meister, Italienische Reise. 40 Seiten Aufsätze zur Kunst. 100 Seiten Wissenschaft und Philosophie, quer durch die Spannungen der sinnlichen Vernunft, der politischen Gestaltungslust. Kaum Aufgeregtes, Artifizielles, Esoterisches, kein Werther oder Berlichingen, keine Wahlverwandtschaften, aus der Farbenlehre nur ein Extrakt. Dafür aber (1827!) der Wunsch, den Bau von Panama- und Sueskanal noch zu erleben. Und die Übersetzungen ? Goethe fand 1828 seinen ins Französische übertragenen Faust viel klarer als das Original. Auch die Übersetzungen des Essential Goethe sind wunderbar klar, sie zeigen den deutschen Aufklärer einer anderen Moderne, mit dem einen Nachteil, zugegeben, dass das Ganze nur auf Englisch vorliegt.

Matthew Bell: The Essential Goethe, Englisch, 1000 S., Princeton University Press, 27,95 Pfd.