Ja, doch, sagt er, überrascht sei er schon gewesen. Überrascht, dass die Wahl auf ihn fiel. Überrascht, weil er von sich wirklich nicht behaupten könne, ein ausgesuchter Kenner der modernen und zeitgenössischen Kunst zu sein. So hatte es die Ausschreibung gefordert, fast zwei Jahre ist es her. Am Ende schien das der Auswahlkommission herzlich egal zu sein.

Kürzlich ernannte sie Christoph Martin Vogtherr zum Direktor, vom 1. Oktober an wird er die Kunsthalle leiten, eines der wichtigsten Museen der Republik. Vogtherr, mit dem wohl niemand gerechnet hatte. Der selbst in Kennerkreisen ein weithin Unbekannter war. Und von dem nun manche raunen, er sei für den gewichtigen Posten nur die dritte Wahl gewesen. Vogtherr ist, könnte man meinen, übrig geblieben. Keiner der erhofften großen Namen hatte sich beworben. Und so hatte der Kunstbetrieb zuletzt schon sein schönstes, sein maliziösestes Lächeln des Bedauerns aufgesetzt. Hamburg, mal wieder blamiert.

Doch für Schadenfreude gab und gibt es keinen Grund. Mag Vogtherr auch überrascht sein, dass Hamburg ihn erwählt hat – eigentlich müsste es umgekehrt sein. Eigentlich wäre es an der Stadt, sich zu verwundern: darüber, dass einer wie er die Kunsthalle übernehmen mag. Denn im Grunde ist Hamburg für ihn ein Abstieg.

1965 in Uelzen geboren, hatte er sich früh für ein Studium der Kunstgeschichte begeistert, hatte seine Doktorarbeit über die Gründung der Berliner Museen geschrieben, um schließlich nach Jahren bei der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten nach London zu ziehen. Dort war er zunächst Kurator und wenig später Direktor der Wallace Collection, die für einen Kunsthistoriker wie Vogtherr, der sich vor allem für die französische Kunst des 18. Jahrhunderts interessiert, eine Insel der Erfüllung ist. Eine Insel, die man nicht verlässt, schon gar nicht, um nach Hamburg auszuwandern. Vogtherr will den Weltenwechsel dennoch: raus aus höfisch-überbordender Kunstliebe, rein in republikanisch-klamme Sachlichkeit.

Seit Jahren schon befindet sich die Kunsthalle im sanften Abwärtssog, auch wenn das in der Stadt die meisten nicht wahrhaben wollen. Nur selten wird das Museum noch überregional beachtet, an eine internationale Bedeutung glauben allenfalls die Kultursenatorin und ihr Gefolge. Wenn überhaupt, erinnert man sich daran, wie Hamburg seine Kunsthalle vor nicht allzu langer Zeit fast in den Ruin trieb. Offen wurde erwogen, die Gemälde von Gerhard Richter und andere Kunstwerke aus der Sammlung zu verkaufen, um so den Betrieb aufrechtzuerhalten. Damals musste ein Teil des Museums über Monate schließen, nicht weil Brandschutzklappen defekt waren, wie die Kulturbehörde vorgab. Sondern weil das Geld zu knapp war, um einige Wärter zu bezahlen. Eine Blamage, tatsächlich von internationalem Rang.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Auch die Wallace Collection, eingestuft als Nationalmuseum der Briten, zurückgehend auf die Privatsammlung eines Adeligen, musste in den letzten Jahren mit schrumpfenden Etats zurechtkommen. Doch Verkäufe? Ausgeschlossen! Selbst Leihgaben an andere Museen: untersagt. Ein Drittel mehr Besucher als die Kunsthalle lockt die Collection an, rund 420.000 im Jahr. Denn in ihren Sälen gibt es in Überfülle, was die Hamburger oft nur von ferne kennen: eine grandiose Sammlung alter Meister. Rembrandt und Rubens, Tizian und Velázquez, Canaletto und Watteau in großer Zahl. Der Eintritt ist natürlich frei.

Vogtherr weiß, dass das Publikum verwöhnt, ja verzogen ist

Hier konnte Vogtherr schwelgen in dem, was ihn begeistert. Hier konnte er Forscher sein, fleißig publizierend in internationalen Fachorganen. Hier konnte er mit einer regen Mitarbeiterschaft, rund 100 Leuten, die Besucherzahlen um 20 Prozent steigern. Man muss ihn sich als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Dennoch ist er nun fest entschlossen, zusammen mit seinem Ehemann gen Hamburg aufzubrechen. Und wer nach den Gründen fragt, bekommt recht Ungefähres zu hören. Erinnerungen an seine Kindheit, als die Eltern mit ihm in die Kunsthalle gingen und er sich schon als Teenager im Kupferstichkabinett das eine oder andere Blatt vorlegen ließ. Rückblicke auch auf jene Jahre, als Werner Hofmann das Museum leitete, mit entschiedenem Willen, die Kunst als intellektuelle Herausforderung zu präsentieren. Bewundernd spricht Vogtherr davon, was damals in Hamburg möglich war, wie Hofmann die Kunsthalle in ungeahnte Höhen führte. Berühmt bis heute ist sein Ausstellungszyklus über die Kunst um 1800, der das Publikum strömen ließ: zu Runge, Turner, Blake oder Goya. Es waren keine Huldigungen des Populären und ebenso wenig solche des Marktes, wie man sie heute oft erlebt.