In der Stadtbäckerei am Gänsemarkt prangt ein Bild seines Großvaters über der Theke, doch in das Familienunternehmen wollte Lars Hinrichs nie einsteigen. Seine ersten Geschäfte machte der Xing-Gründer im Alter von 14 Jahren. Mit Anfang 20 hatte er bereits zwei Firmen gegründet und eine in die Pleite geführt. Der Verkauf des sozialen Netzwerks Xing machte ihn zum Multimillionär. Heute ist Lars Hinrichs 39 Jahre alt – und träumt vom Weltraum.

DIE ZEIT: Herr Hinrichs, wie hat es Ihnen im Weltall gefallen?

Lars Hinrichs: Ich war noch gar nicht da. Eigentlich hätte es vergangenen Herbst losgehen sollen, aber eines der Raumschiffe von Virgin Galactic ist verunglückt. Das Unternehmen hat mir angeboten, das Geld zurückzuerstatten. Das wollte ich aber nicht.

ZEIT: Von wie viel Geld sprechen wir?

Hinrichs: Ein Flug ins Weltall kostet pro Person 100 Millionen Dollar. Virgin Galactic fliegt nicht ganz so weit, nur suborbital, das waren dann nur 200.000 Dollar.

ZEIT: Sozusagen der Billigflieger ins All.

Hinrichs: Ich werde zu den ersten tausend Menschen gehören, die im Weltall waren.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Bei dem Absturz ist einer der Piloten gestorben. Wie lange haben Sie überlegt, ob es nicht doch besser wäre, das Geld zu nehmen?

Hinrichs: Der Crash war ein menschlicher Fehler. Man kann halt nicht bei Tempo 600 die Bremse ziehen. Außerdem bin ich ja erst Flug 41. Der Gründer von Virgin Galactic, Richard Branson, hat Flug Nummer 1, ich bin sicher, dass das gut geht.

ZEIT: Aufgewachsen sind Sie ja eher bodenständig.

Hinrichs: Das bin ich heute noch.

ZEIT: Ihr Großvater hat einst die Hamburger Stadtbäckerei gegründet. Hat Sie das Familienunternehmen nie interessiert?

Hinrichs: Ich habe mich eher für die digitalen Brötchen interessiert. Ich hatte mit elf meinen ersten Computer, mit 13 war ich im Internet, 1989, vor dem World Wide Web. Damals hat man den Telefonhörer genommen, in ein Gerät gesteckt, das war dann quasi das Modem.

ZEIT: Klingt nach hohen Telefonrechnungen.

Hinrichs: Extrem hoch. Ich musste Geld verdienen, um die zu begleichen. Ich habe Medikamente ausgefahren, im Baumarkt gearbeitet. Irgendwann habe ich verstanden, dass wiederverwertbare Arbeit sinnvoller ist. Mit 14 oder 15 habe ich deshalb ein Konzept geschrieben: Wie komme ich als Firma ins Internet? Mit den Tastenkombinationen Copy, Search und Replace konnte ich das dann mehrmals an verschiedene Hamburger Firmen verkaufen.

ZEIT: Wie viel Geld haben Sie verlangt?

Hinrichs: Ein Freund gab mir damals den Tipp: Deine Arbeit ist so viel wert, wie sie dem Käufer wert ist. Insofern habe ich nicht ein paar Hundert Mark verlangt, sondern ein paar Tausend. Das meiste ging aber für die Telefonrechnung drauf.

ZEIT: Die hat ein paar Tausend Mark gekostet?

Hinrichs: Sie war mal vierstellig. Neue Computer habe ich aber auch gekauft.

In einer Firma ist es schwierig, den Status quo infrage zu stellen

ZEIT: Sie kokettieren gern damit, dass Sie es an der Uni nur einen Tag ausgehalten haben.

Hinrichs: Ich habe etwas Sensationelles dort gelernt. Am Interviewtag fragte mich der Dekan: Warum wollen Sie studieren? Ich sagte: Wenn ich ein eigenes Unternehmen habe, muss ich auch eine Bilanz aufstellen können. Da sagte er den entscheidenden Satz: Ein Finanzer kostet Sie zwischen 60.000 und 80.000 Mark. Ich habe realisiert, dass man nicht alles selber können muss. Solange ich mehr Verdienst habe als Kosten, kann das funktionieren.

ZEIT: Was in einer Firma lässt sich nicht kaufen?

Hinrichs: Es ist schwierig, den Status quo infrage zu stellen. Mitarbeiter machen das kaum. Die wenigsten trauen sich, dem Vorgesetzten zu sagen, wenn er etwas Unmögliches macht.

ZEIT: Stellen Sie als Unternehmer denn Ihre eigene Firma infrage?

Hinrichs: Das ist meine Lebensaufgabe. Wer weiterkommen und mit seinem Unternehmen langfristig überleben will, muss sich immer infrage stellen.

ZEIT: Warum sind manche Ihrer Firmen dann gescheitert?

Hinrichs: Nur meine zweite. Da war ich Anfang 20. Wir haben jeden Fehler gemacht, den wir machen konnten. Das war mein MBA in Echtzeit, ein sehr teurer MBA.

ZEIT: Was haben Sie gelernt?

Hinrichs: Dass es nur einen Chef geben kann. Dass eine Firma ein klares Ziel haben muss und nicht mehrere Ziele. Dass man nur Leute einstellt, wenn man sie braucht, und nicht vorher.

ZEIT: Haben Sie viel Geld verloren?

Hinrichs: Ich habe Geld verloren.

ZEIT: Wie viel?

Hinrichs: Das war die Antwort.

"Ich bin keiner, der Statussymbole braucht."

ZEIT: 2003 haben Sie das Business-Netzwerk Xing gegründet oder Open BC, wie es damals hieß. Wie viel von Ihren Ersparnissen haben Sie da hineingesteckt?

Hinrichs: 30.000 Euro Erspartes. Ich habe zwischendurch auch immer in Firmen investiert, die ganz erfolgreich waren. Das reichte für die Programmierung von Xing.

ZEIT: Ihre Anteile haben Sie 2010 für knapp 50 Millionen an Burda verkauft. Trotzdem kennt Sie die breite Öffentlichkeit bis heute nur als Xing-Gründer. Nervt das?

Hinrichs: Xing kennt einfach jeder. Aber ich glaube auch nicht, dass Lars Hinrichs nur mit Xing assoziiert ist. Ich habe fünf Firmen, von denen mir entweder die Hälfte oder annähernd die Hälfte gehört – ich bin ein sehr aktiver Aufsichtsrat bei den Firmen, die ich kontrolliere. Lars Hinrichs, das ist Politik Digital, mein erstes Unternehmen, das ist mein aktuelles Unternehmen Cinco Capital. Lars Hinrichs ist der, der bei zwei börsennotierten Unternehmen im Aufsichtsrat sitzt. Ich bin mit unter 39 der jüngste Aufsichtsrat im Dax.

ZEIT: Zurück zu den Millionen für Xing. Was haben Sie sich von dem Geld geleistet?

Hinrichs: Den Flug ins All, sonst nicht viel. Ich bin nicht der Typ dafür. Ich trage keine Uhr, mein Tesla ist geleast. Ich bin keiner, der Statussymbole braucht. Ich fahre mit car2go zum Flughafen, weil das günstiger ist, als dort zu parken.

ZEIT: Sind Sie ein Sparfuchs?

Hinrichs: Nein, aber wenn es offensichtlich ist, dann nehme ich die günstigere Variante. Ich habe eine Bahncard 50 für die erste Klasse und fahre grundsätzlich zweite.

ZEIT: Für etwas zu bezahlen, was man nicht nutzt, ist wirtschaftlich gesehen wenig sinnvoll.

Hinrichs: Ja, aber die Möglichkeit zu haben, in der ersten Klasse zu sitzen, das ist es wert.

ZEIT: Sie führen für jedes Ihrer Unternehmen eine Fehlerliste. Ist das nicht schlecht fürs Selbstbewusstsein?

Hinrichs: Mit meinem Selbstbewusstsein habe ich kein Problem. Ich will Fehler einfach nicht zweimal machen.

ZEIT: Führen Sie solche Listen auch für sich als Privatmensch?

Hinrichs: Das ist eine gemeine Frage, die ich nicht beantworte.

ZEIT: Wie viele Stunden am Tag arbeiten Sie?

Hinrichs: Ich arbeite überhaupt nicht. Ich gehe meiner Leidenschaft nach.

ZEIT: Wie viel Leidenschaft steckt in diesem komplett vernetzten Haus, das Sie gerade bauen? Es soll Sie immerhin 35 Millionen Euro gekostet haben.

Hinrichs: Am Ende wird es mehr gekostet haben. Das Apartimentum hat mir sicherlich schon tausend Momente beschert, in denen ich es verflucht habe. Aber dann gibt es Momente, in denen ich mit Menschen da durchgehe, und die sagen: Hier will ich wohnen.

ZEIT: Wer ist denn bereit, für umgerechnet bis zu 300 Euro pro Nacht dort einzuziehen?

Hinrichs: Meine Zielgruppe sind Führungskräfte auf Auslandsaufenthalten. Sie könnten sich jederzeit etwas kaufen, machen es aber nicht, weil sie demnächst vielleicht woanders arbeiten.

ZEIT: Menschen, für die Geld keine Rolle spielt.

Hinrichs: Nein, Leute, für die Mobilität und Lebensqualität ein höheres Gut ist als Besitz.

ZEIT: Haben Sie nie Angst zu scheitern?

Hinrichs: Es werden Projekte nicht funktionieren. Es ist auch noch eine Frage, ob das Haus funktioniert. Aber das ist dieses Plan-B-Denken, das ich nicht mag. Ich mache lieber einen neuen Plan A.