Die Liga der Gewöhnlichen Gentlemen aus Hamburg © Martin Morris

Neulich beim Zahnarzt gewesen, hat kaum wehgetan. Nur später, als die Rechnung im Briefkasten lag. Da fiel einem dann dieser eine Song der Hamburger Band Superpunk ein, über den Typen, der auf die schiefe Bahn gerät, weil er die Zuzahlungen nicht mehr stemmen kann: "Ich bin nicht böse geboren / Ich wollte nur neue Zähne für meinen Bruder und mich." Hach ja, Superpunk – die Band um Sänger und Songschreiber Carsten Friedrichs verknüpfte die Hamburger Schule mit dem englischen Northern Soul der sechziger Jahre, als sich in Manchester die Arbeiterklassejungs zu Motown Soul ihre Arbeiterklassegesichter schwitzig tanzten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Wo Superpunk aufgehört haben, als sie sich 2012 trennten, macht Friedrichs’ nächste Band weiter: Die Liga der Gewöhnlichen Gentlemen. Weniger guter Name, immer noch gute Rumpelsoul-Songs. Rüttel mal am Käfig, die Affen sollen was machen! heißt ihr drittes Album, das jetzt erscheint. Friedrichs singt immer noch mit angeprolltem Hamburger-Hafen-Akzent, aber im Gegensatz zu den Lotto King Karls dieser Stadt klingt es bei ihm nicht nach Bild-Zeitung. Weil der eine Klassenbewusstsein hat, der andere nicht, hätte man früher wohl gesagt. "Ich les noch ein bisschen Wolfgang Pohrt", singt Friedrichs in Arbeit ist ein Sechsbuchstabenwort, und im Video zu Der beste Zechpreller der Welt trägt er ein Fila-Logo so stolz auf der Brust wie der Zahnarzt seinen Ralph-Lauren-Polospieler. Das Lied erzählt die Geschichte eines Gentleman-Kriminellen, der keine Diamanten stiehlt, sondern seinen Gin Fizz nicht bezahlt. Eine echte Friedrichs-Figur, ein Zeitungsartikel brachte ihn auf die Idee.

Überhaupt ist aus dem Text-Œuvre der Liga inzwischen ein Kompendium aller halb vergessenen Verlierer, Außenseiter und Schrullos des 20. Jahrhunderts geworden. Die ganze Welt ist gegen mich (Blues für Rolf Wütherich) erinnert an den Rennfahrer Rolf Wütherich, den Unglücklichen, der damals zusammen mit James Dean im Auto saß und den Unfall überlebte, wofür er sich sein Leben lang Vorwürfe anhören musste. Die billige E-Orgel und das Schlagzeug dampfen brausend ab wie Deans Porsche 550, zum Wütherich-Blues kann man sich den ganzen Frust raustanzen. Ein anderes Lied ist der verstorbenen Tierschützerin Elisabeth Svendsen gewidmet und ihrem Gnadenhof für geschundene Esel.

Der Soul der Liga klingt zwar "behelfsmäßig", wie es der Bassist einmal formuliert hat, fetzt aber trotzdem (hier passt das komische Wort mal wieder). So etwas hat in Deutschland weniger Tradition als im England der Mods, man missversteht es hier gern als Verfremdungseffekt: Ah, da singt einer vom Scheitern, aber hinten bläst der andere so fröhlich in die Trompete. Wie ironisch! Wer so denkt, verpasst, was die Liga so einzigartig macht: Ihr Text-Musik-Gefüge wird nicht durch Ironie zusammengehalten, sondern durch die feste Überzeugung, dass das alles genau so sein muss. Dass die geschundenen Esel, die Wütherichs und die mit den kaputten Zähnen unsere Soul-Fanfaren verdienen. Und nicht die Zahnärzte.

Die Liga der Gewöhnlichen Gentlemen: Rüttel mal am Käfig, die Affen sollen was machen! (Tapete Records)