Sie sagt: Es kann jetzt losgehen. Sie stellt sich hinten an und wartet, bis sie an der Reihe ist.

Neben ihr, zwischen Kippen und Scherben und Hundehaufen, stehen sechs Frauen auf dem Hans-Albers-Platz am Rand der Reeperbahn und reichen einen Rettungsring von Hand zu Hand. Als Letzte soll sie ihn annehmen, fest unter den Arm klemmen und lange in die Kamera schauen. Es ist ein eiskalter Tag im November, der Tag gegen Gewalt gegen Frauen, der Ring wirbt für ein Hilfetelefon. Sie hält ihn voller Ernst, die Kampagne und der Clip, den sie heute dreht, sind ihr wichtig.

"Nicht so frostig gucken", ruft der Kameramann. "Aber auch nicht lächeln, dafür ist das Thema zu schwer." Also, das Ganze noch mal. Sie sagt: "Das muss ich erst lernen: lächeln und dabei ernst bleiben." Das ist noch das Leichteste, was sie lernen muss.

Melanie Leonhard, 38 Jahre alt, Sozialsenatorin, Sozialdemokratin, ist Hamburgs jüngstes und neuestes Senatsmitglied. Leiterin der Behörde mit dem größten Etat. Erst seit Oktober im Amt. Und schon diejenige, die die schwierigsten Aufgaben lösen muss.

Auf dem Hans-Albers-Platz, am Tag gegen Gewalt, hat sie ihren Posten erst wenige Wochen inne, die Probleme sind noch überschaubar. Einigermaßen jedenfalls. Die Senatorin unterhält sich, als der Ring und sie endlich wunschgemäß zueinandergefunden haben, noch mit den anderen Frauen, die meisten von ihnen Journalistinnen und Sozialarbeiterinnen. "Wer von euch wurde schon mal vergewaltigt?", fragt eine, so beiläufig, sie hätte genauso fragen können: Wer von euch hatte schon mal Karies? Da sprudeln die Geschichten. Jede der Anwesenden kann erzählen, wie sie begrapscht und belästigt wurde, ein paar von ihnen wurden auch vergewaltigt, mehrmals. Melanie Leonhard sagt, das sei inakzeptabel. Schlimm. "So etwas darf es nicht geben."

Zwei Monate später, ein Montagmorgen Mitte Januar, in einem Zimmer im Rathaus. Leonhard ist blass, streicht sich unentwegt durch die Haarspitzen, prüft, ob sie gebrochen sind. Vieles ist kaputtgegangen.

Hinter der Senatorin liegen die ersten 100 Tage im Amt. Tage, Ereignisse, die es eigentlich nicht geben darf. Die frauenverachtenden Szenen aus Köln. Sexuelle Gewalt auf St. Pauli, ebenfalls an Silvester, und ebenfalls sollen Männer mit "nordafrikanischem und arabischem Hintergrund" die Täter gewesen sein. Anfang Januar hat in Ohlstedt ein Somalier eine Zehnjährige gegen deren Willen geküsst. In Eidelstedt soll eine Frau im Bus von Männern mit "nordafrikanischem Aussehen" sexuell bedroht worden sein. In Winterhude soll sich ein arabisch sprechender Mann vor Passantinnen entblößt haben.

So etwas darf es nicht geben? Melanie Leonhard ist von ihren eigenen Worten überholt worden. Wie sie in ihren ersten 100 Tagen ständig von Ereignissen überholt wurde.

Viele haben davor gewarnt. Weil Leonhard an die Spitze der krisenanfälligsten Behörde der Stadt kam, ohne Verwaltungserfahrung, ohne Netzwerk. Die promovierte Historikerin hat zuvor im Helms Museum in Harburg gearbeitet, wurde von der Leiterin der Abteilung Stadtgeschichte zur Leiterin eines Hauses mit einem Etat von fast drei Milliarden Euro und 800 Mitarbeitern und einem kaum zu fassenden Aufgabenbereich: Die Sozialbehörde ist unter anderem für die Integration und Folgeunterbringung von Flüchtlingen zuständig, für das heikle Gebiet der Jugendhilfe, für die Kitas samt allen Streiks und Versorgungsengpässen, für den Arbeitsmarkt.

Sie wirkt so jung, im Rathaus halten manche Besucher sie für ihre eigene Assistentin

Leonhards Vorgänger Detlef Scheele hat sich auf diesem Posten so gut bewährt, dass er im Oktober an die Spitze der Bundesagentur für Arbeit gewechselt ist. Und nun soll eine 38-Jährige mit dem Aussehen einer 28-Jährigen übernehmen, die von sich selbst sagt, sie sei nicht der Typ, der mit der Faust auf den Tisch haue? Die von Besuchergruppen im Rathaus für ihre eigene Assistentin gehalten wird? Die ihr Leben lang in Harburg festklebt und, als sie mit 18 das erste Mal auf St. Pauli war, dachte, in der Davidwache sei eine Razzia, weil doch so viele Polizeiautos davorstanden?

Als Melanie Leonhard am 1. Oktober 2015 Senatorin wurde, schrieb die taz: "Sie gilt als unerfahren und wenig profiliert." Bild fand: "Die Top-Personalie ist kein Glanzstück von Scholz." Ach nein? Mit Urteilen, die fallen, bevor ein Politiker überhaupt angefangen hat, sollte man vorsichtig sein. Mit Urteilen über die oft unterschätzte Spezies der leisen Politiker erst recht.