Die ersten Hinweise auf die gegenwärtig größte Attraktion meiner Heimatstadt finden sich bereits in den Katakomben der Dauerbaustelle Hauptbahnhof: Minto – hier lang! Was klingt wie ein neues Halsbonbon, ist feinstes Niederrheinisch und heißt "mein zu", also mir zugehörig oder schlicht: meins. Dahinter verbirgt sich: eine Shoppingmall. Für sie musste zwar das denkmalgeschützte Theater abgerissen werden. Aber das Minto hat dem Kulturbau etwas Entscheidendes voraus: Es funktioniert. Inzwischen kommen Reisebusse voller Einkaufstouristen; die runtergerockte Innenstadt belebt sich. Allein zur Besichtigung dieser kapitalistischen Wunderheilung ist das Minto einen Abstecher wert.

Echt fromm zu geht es nur weitere 10 Minuten bergauf. Auf dem, nun ja, Gipfel des Abteibergs (75 Meter über N. N.) thront das Münster St. Vitus, romanische Ursprünge, gotischer Chor, popartbuntes Bibelfenster aus dem Jahr 1260. Anders als vom Rest der Stadt ließen die alliierten Bomber zwischen 1940 und 45 wenigstens so viel von der Basilica minor übrig, dass sich eine Wiederherstellung lohnte. Das Drumherum wurde derart hastig neu gebaut, dass Gladbach heute von vorne schlimmer aussieht als die meisten Städte von hinten. Allein das Münster erduldet in alter Größe das unablässige Nagen des Zeitzahns. Meine Mutter, lange Jahre Kassenwartin des Münsterbauvereins, weiß eine Menge davon zu erzählen, wie aufwendig es ist, den Bau fit zu machen für das 21. Jahrhundert ff.

Gleich nebenan liegt eine, vielleicht die Kathedrale der Postmoderne: das Museum Abteiberg. Es ist nicht eben originell, die Kunstsammlung als Höhepunkt eines Stadtbummels zu empfehlen. Aber dass meine Durchschnittsstadt sich etwas derart Größenwahnsinniges wie den flugzeugträgerartigen Bau des Architekten Hans Hollein zutraute, bleibt ein echtes Wunder. Staunend standen wir Abiturienten vom benachbarten Gymnasium in den abenteuerlichen Raumerfindungen, als Joseph Beuys zur Eröffnung 1982 eine Plastikgabel in ein Einmachglas voll Gips tunkte. Was von der Aktion übrig blieb, gehört noch immer zur Sammlung, genauso wie Gerhard Richters beklemmende Folge 8 graue Bilder und das Tableau alchemistischer Zaubergemälde, die Sigmar Polke für die Biennale in Venedig 1986 schuf. Die chemischen Reaktionen unter der Lackschicht der riesigen Bilder dauern noch heute an.

Doch wir wollen es nicht verheimlichen: Das Allerheiligste des gewöhnlichen Gladbachers erhebt sich im Stadtteil Rheindahlen und fasst 59.724 Besucher – das Stadion von Borussia Mönchengladbach. Der Fußballverein hat die Stadt international bekannt gemacht und definiert Identität und Selbstbewusstsein der Bürger. Knapp 20 Minuten braucht der Bus Nr. 017 bis zu dem am Reißbrett entstandenen neuen Vereinsgelände mit Trainingsplätzen, dem riesigen Fan-Shop und Restaurant – nicht nur an Spieltagen ein Pilgerort. Und der bewahrt eine der größten Devotionalien des deutschen Fußballs.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

In einem Nebensaal der Clubgaststätte wird in einer Vitrine jene Cola-Dose präsentiert, die am 20. Oktober 1971 Roberto Boninsegna, Stürmer von Inter Mailand, am Kopf traf. Der Italiener fiel, Gladbach gewann 7 : 1, doch wegen des Büchsenwurfs wurde das Ergebnis des Jahrhundertspiels im Europapokal der Landesmeister annulliert. Die Borussia schied aus, ein Mythos war geboren. Jef Dorpmans, der Schiedsrichter, nahm die Büchse mit und stiftete sie zunächst dem Museum seines Heimatvereins Vitesse Arnheim. Doch 2012 kehrte sie heim; zum ewigen Dank steht Dorpmans’ Porträtfoto nun beim Corpus Delicti .