DIE ZEIT: Herr Hattermann – 420.000 Quadratkilometer ist das Filchner-Ronne-Schelfeis groß. Und Sie mittendrin im weißen Nichts, um Löcher durchs Eis zu bohren und Messgeräte zu installieren. Fühlt man sich da ein bisschen wie zu den Zeiten alter Polarforscher?

Tore Hattermann: Glücklicherweise nicht, denn die frühen Polarforscher waren sich nicht immer sicher, ob sie wieder nach Hause zurückkehren. Bei unserer Expedition bin ich mir da sehr sicher. Wir sind gut und modern ausgerüstet, mit mehreren Kettenfahrzeugen. Wenn ich allerdings vom Camp mit dem Motorschlitten rausfahre in die Weite der Schneewüste, den Motor ausmache und nur noch Stille höre – dann spüre ich schon deutlich, dass wir rund 1.700 Kilometer von der englischen Antarktis-Station Rothera, dem nächsten bewohnten Punkt, entfernt sind. Da fühle ich mich dann anders als bei uns im mobilen Camp, wo man sich mal eben einen Kaffee kochen kann. Wir haben dort sogar eine Brotbackmaschine.

ZEIT: Das Schelfeis ist ein riesiger Gletscher, der sich vom Festland auf das Meer hinausschiebt. Gibt es Gefahren für Ihren Fahrzeugtross?

Hattermann: Der Schnee hier auf dem Schelfeis ist sehr weich, und die schweren Kettenfahrzeuge sinken auch mal tief ein. Wir fahren mit etwa zehn Stundenkilometern von Bohrstelle zu Bohrstelle. Insgesamt sind es vier Löcher, die maximal 90 Kilometer auseinanderliegen. Gefährlich wird es, wenn Gletscherspalten im Schnee auftauchen und wir Schneebrücken suchen müssen, um die Spalten zu überqueren. Damit wir solche Schwierigkeiten vermeiden können, wurde die Strecke bereits im vergangenen Jahr mit Radargeräten und vor Ort mit Schneestangen untersucht. Aber man kann nie wissen, was sich innerhalb eines Jahres verändert.

ZEIT: Die mehrwöchige, deutsch-englische Expedition kostet drei Millionen Euro – ein großer Aufwand. Was versenken Sie unter dem Eis?

Hattermann: Wir wollen vor allem die Meereszirkulation unter dem Eis erforschen – mit Strömungsmessern, mit Temperatur- und Salzgehalt-Sensoren. Das Filchner-Ronne-Schelfeis galt bisher als kältestabil. Computerberechnungen am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung zeigen jedoch, dass es auch hier zur Eisschmelze kommen könnte – was spürbare Auswirkungen auf die atlantischen Strömungen und die Höhe des Meeresspiegels hätte. Mit den Daten unserer Messgeräte verfügen wir künftig über eine reale örtliche Datenbasis und können so abgleichen, ob unsere Computerberechnungen stimmen.

ZEIT: Wie bringen Sie die Geräte unter das Eis?

Hattermann: Wir schmelzen uns mit einem Heißwasserbohrer und bis zu 90 Grad warmem Wasser in Hochgeschwindigkeit durch den rund einen Kilometer dicken Eisschild.

ZEIT: Wo bekommen Sie mitten auf dem Schelfeis das heiße Wasser her?

Hattermann: Ganz einfach: Schnee. Wir schmelzen ihn mit großen Durchlauferhitzern und fangen das Wasser auf. Unter anderem für diese Heizung mussten wir vor einem Jahr schon per Flugzeug Treibstoffdepots anlegen. Das erhitzte Wasser wird in das Loch zum Bohrkopf gepumpt – zur sogenannten Bohrlanze –, wo es durch eine Öffnung austritt und das Eis schmilzt.