Irgendjemand, der hierbei nicht ans Reisen denkt? Wenn dafür keine Zeit ist, kann Lesen helfen. © complize/photocase.com

Eine der Fähigkeiten, die mit dem Alter nachlassen, ist die des romantischen Reisens; jenes Reisens also, das sich nicht als Urlaub oder als Sabbatical am Mittelmeer gestaltet, sondern als freier Fall durch Raum und Zeit: Tasche packen, Pass einstecken, zum Bahnhof gehen, in den nächsten Zug steigen, nach einem Jahr zurückkommen und dazwischen irgendwo gewesen sein. Ob weit weg oder im Nachbarland, spielt keine große Rolle. Ausschlaggebend ist das Vorrecht des Zufalls gegenüber dem Plan.

Glaubt man einer kulturpessimistischen Standardfloskel, ist dieses Abenteuer heute kaum mehr möglich: weil die Tourismusindustrie das Sinnmonopol des Reisens übernommen hat, weil die Welt bis in den letzten Zipfel entdeckt, erforscht, vermessen ist und es von jedem Zipfel Bilder gibt, die der eigenen Wahrnehmung vorausgehen und sie steuern. Aber das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Was das planlose Reisen verhindert, ist nicht zuletzt der Verlust von Naivität und der Bereitschaft, Zeit zu verschwenden. Beides eher Talente des Jungseins. Sie braucht man aber, um in den nächsten Zug zu steigen und unbeabsichtigt in Wanne-Eickel oder Marrakesch anzukommen.

Literatur über diese Art des Reisens hat mitunter etwas Komisches. Denn der Reisende tritt dabei nicht nur als lockerer Draufgänger in Erscheinung, sondern auch als herumpurzelndes Kind, das heute auf dem Kamel sitzt, morgen auf dem Fahrrad und nie genau weiß, wie es dazu jetzt wieder gekommen ist. Katharina von Arx war so ein Fall. Die junge Schweizerin brach im Jahr 1953 zu einer Weltreise auf. Allein. Von Zürich aus. Ungefähre Richtung: Indien. Also trampte Katharina von Arx erst mal nach Triest, von da aus weiter nach Genua, wo sich bekanntlich ein großer Hafen befindet und Schiffe nach Übersee ablegen. Auch solche, die Bombay ansteuern. Könnte ja klappen – und es klappte. Die junge Schweizerin kam in Kabine 196 der Touristenklasse auf der m/s Asia unter.

Denkbar lapidar, latent komisch

© Hanser

In ihrem 1956 veröffentlichten, jetzt neu verlegten Reisebericht Nehmt mich bitte mit. Eine Weltreise per Anhalter schreibt sie auf denkbar lapidare und eben deshalb latent komische Weise: "Für diese Schiffskarte musste ich etwas bezahlen, aber fast nichts." Wie es dazu kommt, dass die Überfahrt von Genua nach Bombay "fast nichts" kostet, erfährt der Leser nicht. Hat sich halt so ergeben. Ein paar Seiten weiter heißt es: "Ich sandte ein Telegramm an Mr. Raj nach Kalkutta und kaufte ein Eisenbahnbillett mit dem Rest meines Geldes." Essen, Trinken, Unterkunft? Alles ohne Geld? Kein Kommentar vonseiten der Autorin, die, nebenbei bemerkt, zum Zeitpunkt ihrer ersten Weltreise 25 Jahre alt war und nicht viel von der Welt gesehen hatte. Aus der Überschneidung von abgeklärter Chuzpe und sorgloser Blauäugigkeit ergibt sich der Charme des ganzen Buches, das, was den Charme unterstützt, seine Neigung ins Komische gar nicht zu bemerken scheint.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Der Indientrip führt unter anderem nach Rampur, wo Katharina von Arx in eine der Episoden stolpert, die nur erlebt, wer dem Risiko mehr vertraut als dem Baedeker: "Ich wurde bis zum Tor geführt, von einem Mann entgegengenommen und zum nächsten Tor hinein in den Männertrakt gebracht. Eine allgemeine Heiterkeit brach aus, als ich eintrat." Man glaubt es gern. Junge Damen aus dem Abendland hatten im Jahr 1953 Seltenheitswert in indischen Männerharems. Nicht ganz unkomisch ist auch Katharina von Arx’ Bestandsaufnahme der Großstadt Hongkong: "Es gibt", schreibt sie, "in Hongkong Turmhäuser, Stehbars, einen zweistöckigen Autobus." Wenn der Zauber des romantischen Reisens in vorbehaltlosem Anstaunen der Welt und furchtlosem Treibenlassen besteht, dann findet er in diesem, auch für jugendliche Leser geeigneten Buch seinen Ausdruck. Wie nebenher entfaltet die Autorin eine kleine Phänomenologie der seltsamen Begebenheit und des seltsamen Ortes, dem der britische Geograf Alastair Bonnett jüngst eine essayistisch-belletristische Studie widmete.

Das Besondere liegt im eigensinnigen Auge des Betrachters

© C. H. Beck

Sie enthält 49 Kapitel, 49 topografische Porträts, die, so der Titel des Bandes, Die seltsamsten Orte der Welt abbilden. Was aber meint Bonnett mit dem etwas unscharfen Attribut seltsam? Es träfe ja auch auf den Turm von Pisa zu. Ohne Weiteres ließe er sich als seltsam, skurril oder buchstäblich als schräg bezeichnen. Um kanonisierte Sehenswürdigkeiten geht es Bonnett aber gerade nicht. Seine Orte liegen sämtlich unter dem Radar von Reiseführern. Sie sind nicht schön oder spektakulär im üblichen Sinn. Sie sind, um einen anderen Begriff zu bemühen, abwegig. Oft sind es überwucherte, versteckte, dem Verschwinden oder dem Desinteresse preisgegebene Orte, deren Besonderheit nur das eigensinnig entdeckende Auge wahrnimmt.