Schneekanone in Adelboden © Ruben Sprich/Reuters

Nun ist der Schnee endlich da. Und der Skizirkus jubiliert. Nachdem der Riesenslalom in Adelboden vor zwei Wochen noch wegen Regen abgesagt werden musste und die Fahrer am Lauberhorn auf einer verkürzten Strecke ins Tal bretterten, meldet Kitzbühel am Tag vor dem ersten Training: 67 Zentimeter Neuschnee. Mausefalle, Seidlalmsprung, Hausbergkante – rund um den Hahnenkamm zeigt der Winter seine Kraft und Herrlichkeit. Sogar das Pflaster in den Gassen der Altstadt ist weiß verfugt. Das bange Warten ist vorbei.

Kein Wunder, dass jetzt die Stunde der Beschwichtiger schlägt: Was soll all das Geschwätz vom grünen Winter, vom Klimawandel? Passt doch.

Kaum ein Stoff befördert so sehr das Vergessen wie der Schnee. Die Tourismusindustrie lebt gut mit dem schlechten Gedächtnis ihrer Kundschaft. Es lohnt sich aber schon, ernsthaft die Frage zu stellen: Was bedeutet der Klimawandel für den Wintertourismus in den Alpen?

Christoph Marty setzt sich wissenschaftlich mit dem Schnee auseinander. Seit 2003 arbeitet er als Klimatologe am Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos. Er sagt nüchtern: "Die Niederschläge unterliegen großen natürlichen Schwankungen. Und der Winter hat eine große Variabilität." Davos liegt 1560 Meter hoch, doch Marty hat schon Jahre erlebt, in denen rund um sein Institut bis in den Januar hinein nicht viel Schnee gefallen ist. Aber ein Tal weiter profitierte das Engadin von den Tiefs aus dem Süden und hatte mit Massen von Neuschnee zu kämpfen. "Unterhalb von 1.000 Metern häufen sich die schneearmen Winter", sagt der Wissenschaftler, "dort drückt das Klimasignal am deutlichsten durch." Das macht sich beim Wunsch nach Schneegestöber an Heiligabend bemerkbar: "Weiße Weihnachten waren auch früher nicht der Normalfall. Aber sie sind seltener geworden. Auf 500 Metern Höhe lag früher zu rund 40 Prozent Schnee an Weihnachten. Heute liegt die Wahrscheinlichkeit nur noch bei 30 Prozent."

Verschiebt sich der Winter nach hinten? "Nein", sagt Marty, "aber er wird kürzer. Im April lag schon immer am meisten Schnee. Doch wegen der Erwärmung schmilzt er im Frühjahr schneller."

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 04 vom 21.01.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Kunstschneeindustrie will mit allen Mitteln dagegenhalten. Klimatologe Marty sieht aber eine wachsende Diskrepanz zwischen dem, was technisch möglich ist, und dem unbefriedigenden emotionalen Erlebnis des Touristen, der auf weißen Bändern über grünbraune Hänge rutscht. Die Auswirkungen für den Wintertourismus formuliert er kurz und bündig: "Generell sehe ich nicht, dass sich Skigebiete unterhalb von 1.300 Metern in Zukunft erfolgreich betreiben lassen."

Superschneekanonen könnten zwar überall und jederzeit Winter zaubern, der Preis ist aber hoch. Zermatt hat eine Maschine angeschafft, die in Israel entwickelt wurde, den All Weather Snowmaker. Auch Temperaturen über null, bei denen herkömmliche Schneilanzen nicht mehr funktionieren, sind für das Gerät kein Problem. Die Wundermaschine vom Mittelmeer kann theoretisch auch bei 30 Grad Hitze Eisschnipsel produzieren. Der Energiebedarf ist entsprechend hoch, und die Anlage arbeitet lediglich punktuell. Auf 2.900 Metern Höhe schließt sie die Lücke zwischen dem abschmelzenden Gletscher und der Bergbahn, damit kein Skifahrer durch den Matsch waten muss. Die Touristiker von Zermatt verstecken ihre Maschine nicht schamhaft im Schatten des Matterhorns, sie werben offensiv mit ihrer technischen Kompetenz.

In Kitzbühel sieht die Sache anders aus. Der Ort liegt deutlich unter der kritischen 1.300-Meter-Grenze, er bringt es gerade mal auf 760 Meter Meereshöhe. Für die 3,3 Kilometer lange Abfahrt am Hahnenkamm bietet auch der Schneemacher aus Israel keine bezahlbare Lösung. Entsprechend schwierig sind die Vorbereitungen zum inoffiziellen Nationalfeiertag Österreichs.

Im vorletzten Winter sahen sie so aus: Zwei Wochen vor dem Rennen ist an der Hausbergkante die grüne Wiese zu sehen. "Zwei kalte Nächte würden reichen, dann könnten wir die Kanonen laufen lassen", sagt Josef Wurzenrainer, der Sicherheitschef am Hahnenkamm. Weil er aber kein Prophet ist, arbeitet er mit seinen freiwilligen Helfern an Plan B: Sie hängen Fangnetze auf an der sogenannten Familienstreif. Das ist die weit weniger spektakuläre Strecke, zur Not würde das Rennen hier ausgetragen.

Der Sicherheitskoordinator bespricht sich mit dem Pistenchef, der sagt lakonisch: "Früher ist man bei so einem Wetter halt nicht Ski gefahren." Der Kellner von der Seidlalm sagt: "Der Schnee kommt schon noch. Aber dann, wenn ihn keiner mehr braucht."

Vergangenen Winter verzeichnete die Schweizer Hotels rund 15 Millionen Logiernächte. Im Schnitt gibt jeder Gast pro Tag 169 Franken aus. Die Skigebiete investieren kräftig: Zwischen 350 bis 500 Millionen Franken jährlich in Seilbahnen, Schneekanonen, neue Restaurants. Deshalb ist ein Tourismus, der den technischen Aufwand herunterfährt auf ein genügsames Maß, für die meisten Skiorte keine Option. Aber die Kritik der Strukturen greift zu kurz, wenn sie nicht auch die Gäste in den Blick nimmt. Ein sanfter Tourismus ohne Schneekanonen und Speicherteiche braucht äußerst flexible Wintersportler, die dann in die Berge gehen, wenn es geschneit hat. Aber wer verfügt über den Luxus solcher Freiräume im Kalender?

Für Werner Bätzing hat das Wettrüsten am Berg paradoxe Konsequenzen: "Die künstliche Beschneiung und die ständige Modernisierung der Lifte kostet viel Geld. Deshalb ist ein Skiurlaub teuer geworden – entsprechend ist die Nachfrage bereits zurückgegangen." Der emeritierte Professor aus Bamberg hat sich als Kulturgeograf zeitlebens mit den Alpen beschäftigt. Die Schneekanonen würden aber an einem entscheidenden Punkt nicht weiterhelfen, ist er überzeugt: "Wenn zu Hause Schnee liegt, steigt das spontane Bedürfnis nach einem Skiurlaub. Wenn dieses Wintergefühl fehlt, buchen viele lieber einen Urlaub mit Sonnen- und Wärmegarantie. Das war auch in den 1970er Jahren schon so. Aber heute liegt im Dezember am Wohnort weniger Schnee – entsprechend sind die Zahlen im Skitourismus rückläufig."

Warum ändern die Gäste nicht einfach ihre Urlaubsgewohnheiten und verschieben den Skiurlaub nach hinten, Ostern statt Weihnachten? Christoph Marty, der Schneeforscher aus Davos, versteht den emotionalen Faktor im Dilemma des Wintersports. Er sagt: "Wir leben mit zielgetriebenen Erwartungshaltungen. Im Flachland ist der November ein trister Monat. Da werden die Leute richtig giggerig auf Schnee. Deshalb ist der Druck auf die Skigebiete so groß: Je früher eines öffnet, desto besser. Spätestens Mitte Dezember müssen die Pisten präpariert sein."

Das Sellraintal, mitten in Tirol gelegen, hat sich von der Gigantomanie der Winterindustrie abgekoppelt. Hier wurden keine kuppelbaren Bahnen gebaut, sondern veraltete Lifte stillgelegt. Die Region setzte früh auf Skitourengeher als Gäste und vermarktet sich als sogenanntes Bergsteigerdorf. Mit diesem Gütesiegel zeichnet der Österreichische Alpenverein Orte aus, die glaubwürdig naturnahen Tourismus anbieten. Vergangenen Winter verzeichneten die Dörfer im Sellrain lediglich 76.157 Übernachtungen. Aber kaum ein Gastgeber klagt.

Im Wallis versucht man derweil, den Winter auf anderem Weg zu retten. Auf der Belalp veranstalteten die Bauern seit der Kleinen Eiszeit eine Prozession, versehen mit einem päpstlichen Dekret, das den bedrohlichen Vorstoß des Aletschgletschers bannen soll.

Heute sieht es auch auf der Belalp anders aus. Der Gletscher schmilzt. Und gleichzeitig ist man abhängig vom Skitourismus. Deshalb haben die frommen Walliser den Vatikan ersucht, den Bann offiziell zurückzunehmen.