Schwitzen ist gesund: Beim Sport – wie auf diesem Bild – und auch in der Sauna. © FRANCK FIFE/AFP/Getty Images

Was verbindet das brasilianische Supermodel Adriana Lima, den Rennfahrer Lewis Hamilton und den mehrfachen Crossfit-Weltmeister Rich Froning mit Bundesjustizminister Heiko Maas? Der Schweiß. Sie alle haben sich, und zwar nicht von Paparazzi, triefend vor Schweiß ablichten lassen. Maas ließ sich für ein Foto im SZ-Magazin sogar einen künstlichen Schweißtropfen an die Nase hängen.

Wir erleben gerade eine Umwertung der Begriffe: Was schon in der Bibel die Konsequenz nach menschlichem Ungehorsam war – "im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen ..." –, was jahrhundertelang als Beleg für Armut und die Zugehörigkeit zu den unteren Schichten angesehen wurde und soeben noch Anlass für Spott und Häme war, das wird jetzt salonfähig. Schweiß ist in.

Ein verschwitztes Selfie weckt neuerdings nicht mehr Abscheu und Ekel im sozialen Netzwerk – alle Daumen fliegen hoch. Der niedersächsische Regierungschef lässt sich beim Joggen interviewen, sein Motto: "Laufen, Schwitzen, Denken." In der Reihenfolge! Selbst die Partnersuche findet heute unter Schweiß statt. Bei der neuen Speed-Dating-Methode namens SportyDate wechselt man im gemeinsamen Training bei jeder Übung den Partner, um am Ende triefnass zu entscheiden, wen man noch näher kennenlernen will.

Warum wird der Schweiß, bislang wie alle vom Menschen produzierten Flüssigkeiten zumindest in der bürgerlichen Welt einem strikten gesellschaftlichen Tabu unterworfen, plötzlich cool? Die Generation Dauerlauf hat sich ja wenigstens noch geduscht. Regalmeter Duschgels beim Drogisten erzählen die Geschichte vom unaufhörlichen teuren Kampf gegen den Schweiß und seine Gerüche. Endlich haben Frauen und Kosmetikkonzerne auch die Männer so weit, dass sie duften wie Moschusochsen untenrum – statt wie Männer untenrum. Da schlägt das Pendel zurück.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Man kann die Entwicklung auch mit Vokabeln aus den Männermagazinen beschreiben: Nach der Sackgasse der allseits rasierten, manikürten Metrosexualität entdeckt man den narzisstischen Spornosexuellen (Sport und Porno, also Sixpacks und Slips), den Lumbersexuellen (Holzfällerlook) und nicht zuletzt den Retrosexuellen. Reif soll der sein. Dominant im Bett. Und eben auch riechen.

Das Schwitzen wertzuschätzen ist indes weitaus mehr als eine bloße Modeerscheinung. Die Saunaforschung belegt, dass Transpiration auch ohne Sport guttut. Zwar verlässt nicht, obwohl es immer wieder erzählt wird, mit dem Schweiß auch allerlei Gefährliches und Giftiges den Körper. Sportmediziner, die den Schweiß analysiert haben, fanden 99 Prozent Wasser. Ansonsten Salze, Aminosäuren, Harnstoff, Fettsäuren. Von "Schlacken" keine Spur. Doch der Zwang, in der Sauna den Körper zu kühlen, bringt den Kreislauf in Schwung. Es ist zwar nicht bewiesen – aber einige Studien deuten darauf hin, dass Saunaschwitzen das Immunsystem stärkt.

Und wer viel schwitzt, trainiert sogar seine Schweißdrüsen. Während der unbewegliche Normalschwitzer am Tag etwa 500 Milliliter Schweiß produziert, schaffen Spitzensportler zwei Liter pro Stunde. Sie beginnen oft auch spontaner zu schwitzen. Dieser Zusammenhang mag die zahllosen Fitnessstudio-Besucher und Ausdauersportler zu der erwähnten Umdeutung bewogen haben: Wo’s tropft, freut sich die Pumpe, da lebt sich’s gesund. Ergo ist Schweiß ein Gesundheitssignal, das man gern vorzeigt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Wobei, physiologisch betrachtet, der Schweißtropfen ein schlechtes Symbol ist. Wir kennen das aus der Sauna: Ganz langsam tritt bei 90 Grad die erste Feuchte aus den Poren, wir sind ungeduldig: Das bringt ja gar nichts! Doch genau jetzt bringt der Schweiß am meisten. Er tritt aus, verdunstet und erzeugt Verdunstungskälte auf der Hautoberfläche. Was bedeutet: Nur der unsichtbare oder als glänzende Schicht auftretende Schweiß ist guter Schweiß. Wenn es erst tropft, wird körpereigenes Wasser verschwendet: Von der Verdunstungskälte profitiert dann bloß noch das Handtuch. Darum ist auch das gewaltige Triefen nach einem Aufguss reine Show. Das Aufgusswasser verdampft, schlägt sich auf der Haut nieder und tropft ab. Geschwitzt wird erst wieder später.