Um zu verstehen, warum sich die Schweizer um ihre Wirtschaft Sorgen machen, beginnt man am besten mit einer Pizza Margherita. Die kostet in Schaffhausen, nahe der deutschen Grenze, etwa 15 Franken. Lange entsprach das 12,50 Euro. Dann stoppte die Schweizerische Nationalbank (SNB) vor einem Jahr unerwartet ihre Devisenkäufe, mit denen sie den Mindestkurs von 1,20 Franken pro Euro garantierte. Plötzlich war der Franken mehr wert als der Euro, der Preis der Pizza stieg auf umgerechnet über 15 Euro. Seither schwankt der Wert des Euro zwischen 1,00 und 1,10 Franken – macht aktuell rund 14 Euro für eine Pizza Margherita in Schaffhausen. Nur wenige Kilometer entfernt, im deutschen Singen, kostet sie 6,50 Euro.

Die Pizza steht für das Dilemma der Schweiz: Je höher ihr Preis in Euro, desto weniger wettbewerbsfähig ist das Land. Denn für die Schweizer ist die Pizza ja nicht teurer geworden, sie werden in Franken bezahlt, der Lohn steigt mit. Wer für Aldi Suisse arbeitet, verdient mindestens 4.275 Franken, fast 4.000 Euro.

Der "Frankenschock" mache Schweizer Produkte im Ausland endgültig unbezahlbar, warnten Volkswirte vor einem Jahr, und da die Schweizer Wirtschaft auf den Export ausgerichtet sei, drohe eine tiefe Rezession. Doch: Die Wirtschaft der Schweiz ist auch 2015 gewachsen, die Arbeitslosenquote lag im Dezember bei 3,7 Prozent. Noch kann die Schweiz dem starken Franken trotzen, und dafür gibt es mehrere Gründe.

Erstens stellen die wichtigsten Exporteure Waren her, die vor unmittelbarer Konkurrenz geschützt sind. Pharmazeutische Produkte machten 2014 rund ein Drittel der Ausfuhren aus. Da sich ein Medikament meist nicht einfach durch ein anderes ersetzen lässt, können Novartis und Roche höhere Produktionskosten an ihre Kunden weitergeben. Und für Käufer von Luxusuhren, einem anderen Exportschlager, zählt der Markenname meist mehr als der Preis.

Zweitens können Firmen dank der Flexibilität ihrer Mitarbeiter auf Krisen gut reagieren. Um ihre Arbeitsplätze zu sichern, erklärten sich Belegschaften bereit, vorübergehend länger zu arbeiten. Der Autozulieferer Georg Fischer erhöhte bereits im Februar 2015 die Arbeitszeit von 40 auf 44 Stunden – ohne Lohnausgleich. Nach zehn Monaten kehrte die Firma, da sie weiter Gewinn macht, zur normalen Arbeitswoche zurück, die Mitarbeiter bekamen eine Sonderprämie von 1.000 Franken.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Drittens hat in den vergangenen Monaten zumindest der Dollar gegenüber dem Franken an Wert gewonnen. Für Amerikaner, aber auch Asiaten und Araber, deren Währungen zum Teil an den Dollar gekoppelt sind, werden Produkte aus der Schweiz damit wieder erschwinglicher.

Hart trifft der starke Franken allerdings den Tourismus. Die Zahl der Gäste aus dem EU-Ausland ist seit Jahren rückläufig. Obwohl Urlauber oft langfristig planen, sank die Zahl der Gäste aus Deutschland im Zeitraum Januar bis Oktober 2015 im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um elf Prozent. Um bezahlbar zu bleiben, haben Hotels, Skiliftbetreiber und Sportgeschäfte in der Gemeinde Grächen im Wallis längst einen eigenen Wechselkurs eingeführt: 1,30 Franken pro Euro – zu Lasten des Gewinns, denn die Mitarbeiter werden in Franken bezahlt.

Die größte Gefahr droht wohl der mittelständischen Industrie, die gemeinsam mit der Pharmabranche und den Finanzdienstleistern das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft bildet. Hohe Lohnkosten können Firmen fit halten, da sie zu Innovationen zwingen. Doch Schweizer Betriebe haben seit Jahren in Automatisierung investiert, um die schon früher hohen Löhne auszugleichen. Viele stoßen nun an Grenzen. In der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie seien bereits 3.000 Jobs verloren gegangen, meldete der Verband Swissmechanic im November. Bleibt der Franken so stark wie jetzt, werden Firmen Arbeitsplätze auf lange Sicht ins Ausland verlagern. Damit droht der Schweiz eine schleichende Deindustrialisierung, die nicht einfach rückgängig zu machen sein wird.

Weil die Zentralbank diese Gefahren erkannt hat, stemmt sie sich gegen den starken Franken. Ihr Spielraum ist allerdings gering. Den Leitzins hat die SNB bereits auf unter null gesenkt, und ein neuer Mindestkurs zum Euro wäre kaum glaubwürdig. Für die Schweizer ist der starke Währung allerdings erfreulich, die Preise importierter Waren fallen, die Kaufkraft steigt. Laut Credit Suisse geben Schweizer beim Einkaufen mittlerweile jeden zehnten Franken direkt in den preiswerteren Nachbarländern aus, Tendenz steigend.