"Alleine werde ich das nicht schaffen." © una.knipsolina / photocase.de

1. Juni 2014: Es gibt keinen Tag, an dem er nicht läuft, dieser Film in Endlosschleife: Ich, wie ich mich krümme. Er direkt hinter mir. Sein Becken gegen meinen Po stoßend. Viermal. Fünfmal. Sechsmal. Ich kann mich nicht erinnern, wie oft. In meinen Kopf schieben sich Bilder: mein Smartphone, wie es auf dem Boden liegt, der Asphalt im Licht der Straßenlaterne. Aus dem Off meine Schreie.

Kurz vorher hatte ich noch mit Freunden auf der Terrasse einer Kneipe gesessen, blickgeschützt von Blättern. Wir hatten zwei Tische zusammengeschoben, wie so oft. Ich bestellte eine große Apfelschorle. Später, als die Polizei eintraf und ich das Geschehen für sie rekapitulieren musste, betonte ich, dass ich nur eine Apfelschorle getrunken habe – als müsste ich einen Beweis liefern für meine Unschuld.

Es waren nur wenige Sekunden. Damals an diesem Abend im Sommer 2013. Meine Schreie haben ihn vertrieben. Das haben mir andere später erklärt. Nun ist es bald ein Jahr her. Fast unvorstellbar: Aber noch immer sitzt die Angst in mir, wenn es dunkel wird.

Ich habe nach dem Übergriff viele Studien gelesen, sie verschlungen, als müsste ich eine Metaebene durch mein eigenes Erleben ziehen. Es rationalisieren. Ich bin Journalistin. Kann mein Schreiben hier ein Schweigen durchbrechen? Ein Schweigen, das viele Frauen umgibt, weil Reden mit Scham verknüpft ist?

2. Juni 2014: Zum ersten Mal in diesem Jahr habe ich ihn an. Meinen Prinzessinnenrock: grün, weich, bis auf den Boden fallend. Auf dem Rückweg vom Büro steige ich aus der U-Bahn. Draußen dämmert es. Vor der ersten Ampel drehe ich mich um. Bei jedem Schritt fühle ich, wie der leichte Stoff meine Beine umweht. Ich drehe mich wieder um. Merke, dass mir im Dunkeln die Sicherheit einer Hose fehlt, die in den letzten Monaten so selbstverständlich war.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Ich erinnere mich an die Frage der Kripo-Frau: "Wie genau ist der Mann unter das Kleid gekommen?" Die Frau, nicht viel älter als ich, trug Pferdeschwanz, tippte auf ihrer Tastatur mit. Ich hatte erklärt, dass der Stoff meines Kleides sich nur schwer dehnen ließ. In der Nacht, in der "die Sache" passierte, trug ich ein Leinenkleid; breite Träger, der Stoff ging bis knapp über die Knie. Mit einem Schwung riss er mir das Kleid von hinten hoch. Mein linker Oberschenkel brannte, als sei jemand mit Schmirgelpapier darüber geratscht. Nach ein paar Tagen sah ich nur noch einen blauen Fleck. Keine Wunde, die zeigte, welchen Schmerz er mir zugefügt hatte.

Ob er eher von der Mitte des Kleides gezogen habe. Oder eher von links, weil ja diese Seite schmerzte. Das wollte die Kripo-Frau wissen. Bis zu diesem Moment hatte ich noch nicht über die Kleid-Hochreißtechnik dieses Mannes nachgedacht. Ich konnte ihn nicht einmal richtig beschreiben. Jung, klein und sportlich, so hatte ich ihn skizziert. Sein Gesicht habe ich nicht gesehen.

Die technische Frage dieser Frau fand ich absurd. Ich versuchte, mir gewissenhaft vorzustellen, wie man in Sekunden unter ein enges Kleid kommt. Muss man sich bücken? Nimmt man beide Hände? Nur eine? Übt man das? Dieser Mann zuppelte nicht. Es gab nur einen Ruck, bis ich im Tanga vor ihm stand. Mehr konnte ich dazu nicht sagen.

Als ich heute früh mit den Fingern durch meine Kleider glitt, auf der Suche nach einem sommerlichen Outfit, stoppten sie bei dem dunkelblauen aus dieser Nacht. Es war ganz neu gewesen damals. Ich wollte es wieder anziehen. Auch, um mir von ihm nichts nehmen zu lassen.

Jetzt habe ich es unter einen Klamottenstapel ins oberste Regal gestopft.