Keiner hat Sprache als Waffe der Herrschaft besser "dekonstruiert" als George Orwell. Holen wir also im Nachklapp zur Kölner Silvesternacht sein unsterbliches 1984 aus dem Regal, um über Wahrheit und Verklärung nachzusinnen. Kaum war der Horror vorbei, stand nicht mehr die Faktenfrage "Wer hat wem was angetan?" im Zentrum. Stattdessen ging es um "Wer darf was über wen sagen?", genauer: um Sprachkontrolle, den Feind der Freiheit.

Dieses Geschäft hat früher der totalitäre Staat besorgt. Orwell lässt einen Dezernenten aus dem "Wahrheitsministerium" dozieren: "Kapierst du denn nicht den eigentlichen Sinn von Neusprech?" Beschweigen und Beschneiden sollen die "Bandbreite der Gedanken einengen". So "werden Gedankenverbrechen buchstäblich unmöglich, weil es keine Begriffe mehr gibt, um sie auszudrücken".

NKWD und Gestapo sind Geschichte, aber in seinem Meisterwerk Über die Demokratie in Amerika hatte Tocqueville lange vor Orwell erkannt, dass auch der liberale Staat Denkverbote verhängt. Die Arbeit der Gedankenpolizei leiste die Demokratie selber, indem sie die "richtige" Geisteshaltung oktroyiert, schrieb der hellsichtige Franzose vor 180 Jahren. "Die Mehrheit umringt die Meinungsfreiheit mit einer hochragenden Mauer." Drinnen könne einer alles sagen, aber wehe, wenn er ausbricht. "Ihm droht zwar nicht der Scheiterhaufen, aber doch die Verachtung."

Selbstverständlich paart sich das Erzieherische mit höchster Moral. Zuschreibungen wie "nordafrikanisch" oder "arabisch" seien verwerflich, weil sie Straftaten mit Herkunft erklärten und ganze Gruppen unter "Generalverdacht" stellten. Ein Verwalter des hiesigen "Gutdenk" schreibt: "Wer solchen Vermutungen Vorschub leistet, der ist ein Rassist." Die Rassismus-Unterstellung ist seit Adolf H. die Karte, die immer sticht. Die Diffamierung erschlägt den Diskurs – zum Beispiel über Täterprofile, einen Klassiker vorbeugender Polizeiarbeit – und katapultiert den "Gedankenverbrecher" aus der Gemeinschaft der Guten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Der Verfemung folgt die Gedankenverwirrung. Keine Talkshow ohne Gäste, die nicht mit sorgenvoller Miene mahnen: Ethnisch-religiöse Etikette seien Wasser auf die Mühlen der rechten Ultras, der Tod der "Willkommenskultur". Das Sprechverbot entspringt einem dreifachen Irrtum.

Einmal, weil Benennung ("Flüchtlinge haben ...") nicht Bezichtigung ist ("So sind die Araber"). Zum Zweiten, weil die Randständigen keine Nachhilfe brauchen; sie haben ihre Vorurteile schon. Das Vor- Urteil schafft sich seine Fakten selber durch selektive Wahrnehmung – wie bei jeglichem "Anti-Ismus". Zum Dritten, weil der brave Bürger ins Grübeln gerät: Wenn Polizei, Politik und Medien die Tatsachen schönreden, ja mir "Rassisten" das Maul verbieten, wie kann ich noch den demokratischen Institutionen trauen? Pegida und Co. sind Geschöpfe und Sprachrohre der Entfremdung. Die frisst sich in die Mitte, wenn das verordnete Gutdenk die Realitäten verdrängt und die Wohlmeinenden den Demagogen zutreibt. So, und nicht im offenen Widerstreit, rauscht das Wasser auf die besagten Mühlen.

Dass wir kein "Wahrheitsministerium" haben, ist nur ein halber Trost, wenn die Demokratie das "Gleichdenk" auch ohne Geheimpolizei erzwingen kann. Deshalb sollten wir Orwell und Tocqueville lesen, immer wieder.