Der Medienandrang ist riesig, der Gerichtssaal in Weinfelden zu klein. Die Verhandlung muss in den großen Saal des Rathauses verlegt werden. Mike A. sitzt ruhig da, nach vorn geneigt, die Hände auf dem Tisch verschränkt, in sich versunken. Jeans, weißes Hemd, schwarze Lederjacke. Haare und Bart wuchern über sein Gesicht, als ob er sich unkenntlich machen wollte. Sagt er etwas, dann, dass er unschuldig sei. Dass er die thailändische Prostituierte Ladarat Chitpong, genannt Linda, nicht ermordet habe. Dass er sie gar nicht getötet haben könne, da er bereits in Untersuchungshaft gesessen habe, als sie starb. Der Beweis: die Insekten auf dem verwesenden Körper der erstochenen Frau. Was immer die Staatsanwaltschaft gegen ihn vorbringt, der Angeklagte weist es zurück. Oder kann es nicht erklären. Etwa, warum unter seinen Fingernägeln, auf seinem Penis und in seiner Dusche DNA des Opfers gefunden wurden. "Das sind ominöse Spuren. Ich weiß nicht, wie sie dahinkommen." Die Richter glauben ihm nicht. Sie verurteilen ihn zu 20 Jahren Haft und anschließend zu einer lebenslänglichen Verwahrung.

Mike A. und sein Anwalt gehen in Berufung. Doch zwei Tage bevor der Prozess am Thurgauer Obergericht beginnt, lässt der Verurteilte diesen platzen. Mike A. besiegelt sein Schicksal selbst. Am 25. Mai 2011 schreibt der Anwalt:

Sehr geehrter Herr Präsident

In der oben genannten Angelegenheit teile ich Ihnen mit, dass sich Mike A. entschlossen hat, die Berufung zurückzuziehen.

Mike A. legt Wert auf die Feststellung, dass dieser Rückzug kein Schuldeingeständnis beinhaltet, er sieht aber keine Chance, die Richtigkeit seiner Darstellung belegen zu können.

Ich danke Ihnen für Ihre Kenntnisnahme.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Humbert Entress

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 04 vom 21.01.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Das Urteil des Bezirksgerichtes, der untersten Gerichtsinstanz, wird damit rechtskräftig. Es ist ein historisches Verdikt. Erstmals wird die strengste Strafnorm, die das Schweizer Recht kennt, angewendet. Mike A. wird bis zu seinem Tod im Gefängnis sitzen. Die Aussicht, je wieder frei zu sein, ist verschwindend klein: Es müssten neue, wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden. Und mit diesen gezeigt werden, dass er keine Gefahr mehr für niemanden darstellt. Oder er müsste so altersschwach oder krank sein, dass er körperlich nicht in der Lage ist, jemandem etwas anzutun.

Wer ist dieser Mann? Warum hat er das Urteil akzeptiert, obwohl die Hürden für eine lebenslange Verwahrung derart hoch sind, dass das Bundesgericht noch jedes Urteil von Vorinstanzen zu Fall brachte? Obwohl er also damit rechnen oder zumindest darauf hoffen durfte, dass das oberste Schweizer Gericht auch seine lebenslange in eine ordentliche Verwahrung verwandeln würde. Mit dem kleinen, aber entscheidenden Unterschied, dass dort regelmäßig überprüft werden muss, ob es noch gerechtfertigt ist, ihn wegzusperren.

Die Zeitungen haben viel über Mike A. geschrieben. Er aber hat noch nie mit einer gesprochen. Im August 2008 berichteten sie über die Prostituierte Linda, die für eine Nacht in eine Wohnung nach Märstetten in den Kanton Thurgau bestellt und tags darauf nicht an den vereinbarten Treffpunkt zurückgekehrt war. Wie der Chauffeur, der auf sie wartete, Alarm schlug und sie vermisst meldete. Wie vier Wochen fieberhaft nach ihr gesucht wurde. Mit Flugblättern in 15 Ortschaften, mit Dutzenden Polizisten, Helikoptern, Bluthunden, Tauchern. Im Wald, in Kellern, Hinterhöfen, in Flüssen und neun Tonnen Müll. Fast einen Monat später fanden Polizisten die sterblichen, stark verwesten Überreste der 30-jährigen Ladarat Chitpong. An einem Abhang im Wald, in einen Koffer gepackt. Daneben ein Plastiksack mit ihren Habseligkeiten und, an einem jungen Tännchen hängend, gebrauchte Latex-Einweg-Handschuhe.