Meriam Ibrahim bei ihrer Ankunft in Rom, bgleitet vom italienischen Vizeaußenminister Lapo Pistelli © STR/AFP/Getty Images

Aus Meriams Bericht:

Als der Richter mich an einem glühend heißen Maimorgen des Ehebruchs und der Apostasie für schuldig befand und mich zu 100 Peitschenhieben und zum Tod durch den Strang verurteilte, ahnte ich noch nicht, dass ich ein Symbol werden würde, und es kümmerte mich auch nicht. Für mich zählte in diesem Moment nur eins: mein Glaube und die Achtung vor den Grundsätzen, mit denen ich großgeworden und von denen ich fest überzeugt war.

Natürlich wusste ich, dass Dutzende oder vielleicht Hunderte oder sogar Tausende von Menschen in aller Welt mit angehaltenem Atem auf die Entscheidung des Gerichts warteten und es den meisten unvorstellbar schien, dass eine 27-jährige Frau, Mutter eines Kindes und mit einem zweiten schwanger, womöglich würde sterben müssen, weil sie ihrer Religion nicht hatte abschwören wollen.

Obwohl die diplomatischen Vertretungen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und der Niederlande Druck auf die Regierung des Sudan ausgeübt hatten, damit sie dem von den internationalen Gesetzgebungen und der sudanesischen Verfassung anerkannten Recht auf Religionsfreiheit – und dazu gehört auch das Recht, seine Religion zu wechseln – Respekt verschaffte, war der Richter nicht einen Fußbreit zurückgewichen.

Zu Beginn des Prozesses war Daniel, mein Mann, gebürtiger Sudanese und US-amerikanischer Staatsbürger, noch zuversichtlich und davon überzeugt gewesen, dass alles im Grunde nur ein riesiges Missverständnis sei. Doch im Lauf der Zeit hatte er die Unnachgiebigkeit der örtlichen Behörden kennengelernt, deren Sturheit und Hartnäckigkeit sich beispielhaft in der Haltung des sudanesischen Parlamentspräsidenten aus- drückte: Dieser hatte auf den Appell der Botschafter mit einer an "diplomatische Rüpelei" grenzenden Gleichgültigkeit reagiert und lediglich darauf hingewiesen, dass die richterliche Macht autonom und klar von der politischen Macht getrennt sei. Kurz: Mit einer Intervention vonseiten der Regierung war nicht zu rechnen.

Es spielte keine Rolle, dass die gegen mich erhobenen Beschuldigungen auf der Denunziation eines völlig Unbekannten beruhten: eines Mannes, der sich als mein Bruder bezeichnete, den ich jedoch nie zuvor gesehen hatte. Und auch meine Version der Ereignisse zählte nicht: die Tatsache, dass ich gar nicht wusste, dass ich die Tochter eines Muslims war, weil mein Vater mich und meine Mutter verlassen hatte, als ich gerade einmal sieben Jahre alt war, und dass ich folglich auch keine Apostasie begangen haben konnte. Doch nach islamischer Rechtsauffassung wird die Religionszugehörigkeit über die Linie des Vaters "vererbt" (ganz gleich, ob ich die Religion meines Vaters kannte oder nicht), und dass ich von klein auf im christlichen Glauben erzogen worden war, machte mich nicht weniger schuldig: Die Scharia verzeiht keine Unwissenheit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Obendrein war ich, da ich einen Christen geheiratet hatte, des Ehebruchs schuldig: Eine muslimische Frau darf nur einen muslimischen Mann heiraten, die Ehe mit einem Andersgläubigen ist nicht nur verboten und ungültig, sondern wird bestraft.

Einige Zeit zuvor hatte mich eine Delegation der Muslim Scholar Association, bestehend aus Imamen und örtlichen Religionsvertretern, im Gefängnis besucht. Sie drohten mir nicht und waren auch nicht aggressiv, aber sehr nachdrücklich. Sie wollten mich durch ihren Tonfall und mit ihren Argumenten überzeugen. Sie sagten mir, dass sie bei Gericht intervenieren könnten, sie rezitierten Stellen aus dem Koran, und sie forderten mich auf, mit ihnen zu beten, weil der Islam die gerechteste und gnädigste aller Religionen sei: Wenn ich den Glauben Mohammeds annähme, würde ich mit einem Leben voller Zufriedenheit belohnt werden.

Nach seinem Richtspruch setzte der Richter Abbas Mohammed al-Khalifa das Urteil aus und schlug mir eine Art Deal vor. "Du hast drei Tage Zeit, dich zum Islam zu bekehren", sagte er. "Wenn du das tust, lassen wir die Anklagen gegen dich fallen."

72 Stunden später, am 15. Mai 2014, verlangte er mich zu sehen. Es war ein schwieriger Augenblick, der schwerste der vergangenen drei Monate seit jenem 17. Februar, als die Polizei an meine Tür geklopft und mich gemeinsam mit meinem Sohn ins Gefängnis gebracht hatte.