Es fängt schlecht an. Gérard und Isabelle, lange geschieden, werden sechs Monate nach dem Selbstmord ihres Sohnes durch seinen letzten Willen wieder zusammengeführt. Ausgerechnet in der kalifornischen Wüste. Isabelle glaubt fest daran, dass der Sohn dort, wie in seinem Abschiedsbrief angekündigt, mit ihnen Kontakt aufnehmen möchte. Gérard hält das für Mumpitz und würde am liebsten sofort wieder abreisen. Die Stimmung ist gereizt, die Hitze unerträglich.

Es fängt aber auch gut an. Denn in Valley of Love von Guillaume Nicloux sind Isabelle Huppert und Gérard Depardieu endlich wieder zusammen auf der Leinwand zu sehen.

Das letzte Mal ist 35 Jahre her. In Maurice Pialats Film Loulou spielten die beiden 1980 zwei Liebende aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, eine gutbürgerliche Ehefrau und einen proletarischen Hallodri, die feststellen müssen, wie sehr die Herkunft sie trennt. In Valley of Love haben ihre Figuren fünf Tage Zeit, um herauszufinden, was sie immer noch verbindet. Auf den ersten Blick scheint das eher wenig zu sein. Gérard trinkt viel, Isabelle wenig. Er liebt Fleisch, sie ist Vegetarierin. Während er sogar in den klimatisierten Hotelfluren schwitzt, stellt sie die Klimaanlage in ihrem Zimmer aus ökologischen Gründen ab. Sie hält ihm Vorträge über nachhaltiges Leben, er schert sich nicht darum, ob die Welt aus dem Gleichgewicht gerät, wenn man eine Eidechse mit Brotkrümeln füttert.

Die Kamera feiert die flimmernde Schönheit der Wüste, doch Isabelle und Gérard scheinen sie kaum wahrzunehmen. Und während sie nach einem vom Sohn vorgeschriebenen Plan die Sehenswürdigkeiten des Death Valley besuchen und abends in einem unwirtlichen Diner miteinander essen, sieht man zwei Darstellern dabei zu, wie sie das Wesen der Paarbeziehung erkunden -– beim Spielen wie im wirklichen Leben. Auch auf der Leinwand geht es um die Kunst, für sich und doch mit dem anderen zu sein. Eben darum, den anderen leben, atmen, auftreten zu lassen und dabei selbst präsent – oder eben im Bild – zu bleiben.

Genervt sind in Valley of Love beide voneinander. Zumindest zu Beginn, weil sie den Selbstmord des seit Jahren in den USA lebenden Sohnes ergründen und verstehen will, während er glaubt, sich damit abgefunden zu haben. Aber dann, nach Reibereien, Beleidigungen, Verletzungen, Tränen, schlägt die Situation in etwas anderes um. Man könnte es einen zugeneigten Waffenstillstand nennen. Oder eine Vertrautheit, die das Bewusstsein der einstigen Leidenschaft genauso birgt wie die Melancholie ihres Verschwindens.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Schnaufend schiebt Gérard Depardieu seinen massigen Körper durchs Bild. Wenn er in der Wüste schwitzend auf einem Klappstühlchen sitzt, wirkt er wie eine Mischung aus Berg und Buddha, und die ohnehin winzige Huppert scheint neben ihm noch zarter und kleiner zu sein. Aber so mächtig Depardieus Körper sein mag, so sanft und zurückgenommen, ja buchstäblich schwerelos spielt er für seine Partnerin, die in ganz anderem Sinne eine Gigantin ist. Durch ihre messerscharfe Präsenz und ihre Grundgereiztheit, die mit der Rolle der ständig über den schlechten Handyempfang nörgelnden Ex-Ehefrau verschmilzt.

Nach einem Albtraum schläft sie bei ihm im Zimmer, im zweiten Bett. Er lässt sich seine beim Rasieren verletzte Hand von ihr verbinden. Einmal trinken die zwei, ganz Franzosen, Bordeaux im Zimmer. Es gibt sogar einen kurzen, anrührenden Kuss. Und man muss einfach gesehen haben, mit welch zärtlicher Amüsiertheit sie sein Hemd mit dem albernen Ananasmuster betrachtet.

Nur die Geschichte hat leider ein paar Schwächen. Sie liegen im holprigen Umgang mit der Spiritualität, die das Rendezvous mit dem toten Sohn umwabert. Es gibt Begegnungen am Rande des Übersinnlichen und seltsame Male an Fuß- und Handgelenken. Wer hat sie den beiden zugefügt? Für die Antwort interessiert man sich nicht wirklich. Nicht, weil einem dieser Film egal wäre, sondern weil Isabelle Huppert und Gérard Depardieu längst in einen anderen, elementaren Film spielen: Er und sie und der Verlust des Sohnes. Die Vergangenheit des Paares, die brütende Gegenwart der Wüste und die tiefe Verbundenheit, die aus alldem entsteht.

Es ist auch die Verbundenheit zweier wunderbarer Schauspieler, die einander tragen, so massig der eine und so zart die andere ist. Hoffentlich warten die beiden nicht wieder 35 Jahre.