Was genau in der Nacht zum 29. November in ihrer Berliner Wohnung vor sich ging, weiß Yasmine Mahmoudieh bis heute nicht. War es eine spontane Orgie? Ein geplanter Exzess? Gar ein blutiges Verbrechen? Fest steht: Die Spuren der Verwüstung, die ihr Hausmeister am nächsten Tag vorfindet, können einen erschauern lassen.

Schon der Teppich im Treppenhaus ist übersät mit Alkohol, Kippen und Erbrochenem. In der Wohnung klebt Kot auf dem Boden. Die fast deckenhohe rote Designerlampe ist aufgeschlitzt, vom blauen Schlafsofa ist nur eine Rückenlehne übrig. Der Rest des Sofas ist verschwunden, genau wie der riesige weiße Kleiderschrank, der eigentlich kaum durchs Treppenhaus passt. Im Garten liegen noch ein paar zersägte Spanplatten, die wohl zum Kleiderschrank gehörten. Daneben liegen zerfledderte Kinderbücher, die Mahmoudieh früher ihrer Tochter vorgelesen hat. In einer Mülltonne findet der Hausmeister außerdem ein Bettlaken. Es ist blutbefleckt. So wie auch die beigefarbene Couch im Wohnzimmer. "Meine Wohnung wurde zerstört", sagt Mahmoudieh.

Die 54-jährige Innenarchitektin hatte ihre Wohnung in jener Nacht über die Online-Plattform Wimdu vermietet. Der Airbnb-Konkurrent gehört zum Reich von Deutschlands umtriebigsten Internet-Unternehmern, den Samwer-Brüdern Marc, Oliver und Alexander. Sie wollen mit Wimdu im boomenden Geschäft mit den privaten Wohnungs- und Zimmervermittlungen mitmischen. Zwar ist Airbnb mit weltweit zwei Millionen Zimmern und Wohnungen noch immer der unangefochtene Platzhirsch. Mit mehr als 300.000 Angeboten gehört Wimdu aber zu den schärfsten Konkurrenten. Und zu den Profiteuren eines gewaltigen Booms: Jeder siebte deutsche Internetnutzer hat nach einer Bitkom-Umfrage schon über Airbnb, Wimdu oder ähnliche Anbieter Unterkünfte gebucht.

Mit dem Schaden in Mahmoudiehs Wohnung, den sie auf mehrere Zehntausend Euro schätzt, will Wimdu aber nichts zu tun haben. Das Unternehmen hat Mahmoudieh mitgeteilt, dass "keine tatsächlichen oder rechtlichen Anhaltspunkte existieren, wonach Wimdu für den von Ihnen mitgeteilten Schaden in Ihrer Wohnung verantwortlich ist. Die von Ihnen geforderten Zahlungen können daher mangels Rechtsgrundlage nicht geleistet werden." Das ist erstaunlich, wirbt das Unternehmen doch mit den "Wimdu-Versprechen". Dazu gehört: "Versicherung im Schadensfall von bis zu 500.000 Euro".

Der Mieter behauptet, mit seiner Frau ein Wochenende in Berlin verbringen zu wollen

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Es ist ein Fall, der viel erzählt: über die dunklen Seiten einer digitalen Ökonomie des Teilens, die zum Milliardengeschäft geworden ist. Über Verbrecher, die eine Kultur des Vertrauens dreist missbrauchen. Über ein Vermittlungsportal, das die Profite abschöpft, sich um Vandalismus-Schäden und andere Kosten aber nicht kümmert.

Vor allem aber wirft der Fall eine ganze Reihe von Fragen auf, die für jeden, der seine Wohnung über Vermittlungsportale vermietet, entscheidend sind. Wer haftet, wenn eine Wohnung vom Mieter zerstört wird? Kann Wimdu sich als Vermittler aus der Verantwortung stehlen? Und wie verhält sich der Marktführer Airbnb?

Im Kern ist Wimdu eine Dublette des amerikanischen Originals

Es ist der 27. November 2015, als Mahmoudieh eine Anfrage in ihrem E-Mail-Fach findet. Seit einiger Zeit ist sie viel in London und vermietet ihre Berliner Wohnung gelegentlich. Der Mann, der sie nun über Wimdu kontaktiert, schreibt, er lebe in München und wolle mit seiner Frau das Wochenende in Berlin verbringen. Mahmoudieh telefoniert mit ihm und sagt zu. Kurz darauf erhält sie von Wimdu eine Buchungsbestätigung. Der Name des Gastes: Kevin Koslowski (Name von der Redaktion geändert). Auch eine Telefonnummer ist angegeben.

Als Mahmoudieh sich kurz darauf noch einmal bei Wimdu einloggen will, ist ihr der Zugang versperrt. Das ganze Wochenende wird sie keinen Zugriff aufs Portal haben. Wimdu teilt ihr dazu später lapidar mit: "Es gab technische Probleme."

Heute bereut Mahmoudieh, sich jemals bei Wimdu angemeldet zu haben. Doch konnte sie auf den ersten Blick keine nennenswerten Unterschiede zu Airbnb erkennen. Kein Wunder: Im Kern ist Wimdu eine Dublette des amerikanischen Originals. Das wiederum ist typisch für die Samwer-Brüder. Mit ihrem Inkubator Rocket Internet betreiben sie eine Art Klon-Maschine. Erfolgreiche Geschäftsmodelle werden kopiert – und sollen dann mächtig Geld abwerfen.

Zwar ist Wimdu weit davon entfernt, Airbnb als Marktführer abzulösen. Wer als Vermieter auf beiden Portalen angemeldet ist, steigert aber seine Chance, einen passenden Gast zu finden. So sah es auch Mahmoudieh. "Beide Portale", sagt sie, "vermitteln einem als Vermieter das Gefühl, sie wären im Ernstfall für einen da."

Dreißig Chaoten seien dabei, alles kurz und klein zu schlagen, meldet ein Nachbar

Kurz vor der vereinbarten Schlüsselübergabe ruft Kevin an, der angebliche Mieter. Er schaffe es nicht rechtzeitig, aber ein Freund aus Berlin könne die Schlüssel für ihn entgegennehmen. Der Hausmeister erinnert sich an einen jungen Mann mit brauner Jacke. Einen Personalausweis hat er nicht dabei, nur eine Gesundheitskarte. Der Hausmeister notiert den Namen. Außerdem telefoniert die Mutter von Mahmoudieh, die in Hamburg lebt und ihre Tochter unterstützen will, noch einmal mit Kevin, lässt sich per E-Mail die Kopie des Personalausweises schicken. Kevin sagt, er freue sich auf das Wochenende.

Erst am nächsten Tag wird klar, wie Kevin das meint. Ein Nachbar der vermieteten Wohnung meldet sich kurz nach 23 Uhr bei der Mutter von Mahmoudieh. Vor dem Haus würden rund zehn Autos parken. Rund dreißig Chaoten seien dabei, die Wohnung kurz und klein zu schlagen. So erinnert sich die Mutter. Geschockt ruft sie bei der Berliner Polizei an. Mahmoudieh selbst versucht, Kevin anzurufen. Doch der ist nicht mehr erreichbar. Von Wimdu findet sie weder auf der Homepage noch in der Buchungsbestätigung eine Telefonnummer. Wimdu-Jurist Péter Vida erklärt gegenüber der ZEIT, ein Gastgeber bekomme mit seiner ersten Buchung auf dem Portal eine Telefonnummer mitgeteilt. Danach werde sie nicht mehr mitgeschickt. Darüber hinaus verweist er auf die Livechat-Funktion sowie die Möglichkeit einer E-Mail.

Tatsächlich schreibt Mahmoudieh eine E-Mail an einen Mitarbeiter des Kundenservice. Zurück kommt eine Standard-Antwort, man werde sich so schnell wie möglich kümmern. Erst am nächsten Tag erhält Mahmoudieh einen Rückruf. Dabei wirbt Wimdu auf der Website mit einem Kundenservice "rund um die Uhr".

Warum auch die Polizei nicht handelt, ist bisher noch unklar. Die Mutter sagt, die Berliner Polizei habe ihr am Telefon mitgeteilt, sie könne von Hamburg aus keinen Einsatz auslösen. Es müsse schon der betroffene Nachbar selbst anrufen. Wenn dem so war, sagt der Pressesprecher der Berliner Polizei, habe es sich um eine Falschauskunft gehandelt. Die Mutter hat sich inzwischen beim Berliner Polizeipräsidenten beschwert. Und der Nachbar? Er sagte der Mutter von Mahmoudieh zwar zu, die Polizei zu verständigen, handelte aber nicht. Offenbar hatte er Angst vor der randalierenden Meute in Mahmoudiehs Wohnung. Inzwischen ermittelt die Polizei wegen Diebstahls und Sachbeschädigung. Doch ob die Täter jemals gefasst werden können, ist unklar. Zum Ermittlungsstand sagt die Polizei nur so viel: Der Personalausweis, mit dem der angebliche Kevin sich ausgewiesen hat, sei im Januar 2015 als verlustig gemeldet worden. Der Mieter hieß in Wirklichkeit also anders.

Bei Wimdu ist unklar, wofür "Versicherung im Schadensfall" gelten soll

Wimdu schickt zwar zunächst einen Gutachter, weist dann allerdings jede Verantwortung von sich. Was aber bedeutet dann das Wimdu-Versprechen, Schäden bis zu einer Höhe von 500.000 Euro seien versichert? Matthias Schlusche, Schadensexperte bei der Ergo Direkt Versicherung, hat für die ZEIT den Vermieterschutz von Airbnb und Wimdu analysiert. Bei Airbnb seien grundsätzlich Schäden an der Wohnung und am Inventar bis zu einer Höhe von 800.000 Euro versichert. Das gelte auch im Fall von Straftaten, etwa vorsätzlicher Zerstörung durch den Mieter. Zwar gebe es Ausnahmen und Einschränkungen, etwa für Bargeld und Kunstwerke, diese aber würden recht detailliert offengelegt. Es handele sich also tatsächlich um eine Garantie gegenüber dem Vermieter. Airbnb selbst teilt mit, im vergangenen Jahr habe es weltweit 540 Fälle gegeben, bei denen eine Sachbeschädigung von über tausend Dollar festgestellt wurde. In all diesen Fällen habe der Vermieterschutz von Airbnb gegriffen.

Bei Wimdu, so Schlusche, sei hingegen völlig unklar, wofür die "Versicherung im Schadensfall von bis zu 500.000 Euro" eigentlich gelten soll. "Das geht nicht aus der Website hervor." Wimdu selbst teilt auf Anfrage der ZEIT mit, bei der beworbenen Versicherung handele es sich um eine "subsidiäre Haftpflichtversicherung" für den Mieter, also eine Versicherung, die nur greift, wenn der Mieter einen Schaden anrichtet, selbst aber nicht haftpflichtversichert ist. Ausgenommen seien eine ganze Reihe von Gegenständen, Antiquitäten etwa, aber auch "elektronische Luxusgegenstände und Kommunikationsgegenstände mit einem individuellen Wert von mehr als 1500 Euro". Vor allem aber gilt die Versicherung nicht für "Straftaten wie Diebstahl oder Vandalismus jeglicher Art (vorsätzliche Straftaten)".Das bedeutet: Wenn ein Mieter eine Wohnung wie im Fall von Mahmoudieh absichtlich zerstört und damit einen großen Schaden anrichtet, lässt Wimdu den Vermieter damit, anders als Airbnb, völlig allein.

Das aber wird auf der Website nicht kommuniziert. Erk Schaarschmidt von der Verbraucherzentrale Brandenburg sieht eine "Irreführung" des Kunden, die auch juristische Konsequenzen haben könne. "Wer eine Versicherung in den Raum stellt, muss die Bedingungen offenlegen. Ansonsten kann sich eine Haftung auch aus dem Werbeversprechen ergeben. Man kann nicht einfach etwas hinausposaunen, dann aber hinterher nicht dafür geradestehen."

Wimdu betont, seit Gründung des Unternehmens im Jahr 2011 habe es "insgesamt weniger als 10 Fälle" mit Schäden über tausend Dollar gegeben. In wie vielen davon Wimdu Schadensersatz geleistet hat, teilt es nicht mit. Seitens Wimdu sei "von Fall zu Fall individuell reagiert" worden.

Es stimmt, dass die Wahrscheinlichkeit, Opfer von Vandalismus zu werden, gering ist. Wenn Mahmoudieh aber gewusste hätte, wie wenig sie durch Wimdu vor möglichen Schäden geschützt ist, hätte sie ihre Wohnung nie über das Portal vermietet.