Der AfD-Landesvorsitzende Sachsen-Anhalts, Andre Poggenburg © Sean Gallup/Getty Images

Man muss drüber reden, es nützt ja nichts, es sieht ja jeder: André Poggenburg fehlt der rechte Daumen. Vor vielen Jahren verlor er, ein Handwerker, beim Sägen seinen Finger – ein Arbeitsunfall. Poggenburg erzählt davon ziemlich gelassen, denn wahrscheinlich wirkt dieser Makel auch wie ein Beweis: dafür, dass er ein Arbeiter ist, einer aus dem Volk.

André Poggenburg, 40, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, Mitglied im Bundesvorstand der Partei, ist ein bodenständiger Typ. Bis vor Kurzem führte er einen Autokühlerfachbetrieb in Stößen bei Naumburg, für den Wahlkampf hat er den aufgegeben. Er will der nette André von nebenan sein. Ein Jedermann. Einerseits.

Andererseits hat Poggenburg schon erstaunlich viele Parteifreunde gegen sich aufgebracht. Er kann nett sein – und wenig später unverfroren. Parteichefin Frauke Petry hat das erlebt, genau so wie viele andere, die ihn einst unterstützt haben.

Er und die AfD stehen in aktuellen Umfragen für die Landtagswahl bei 15 Prozent. Das wäre ein Rekordwert in der Geschichte der Partei. Und hätte zur Folge, dass der radikale, rechtspopulistische Flügel innerhalb der AfD noch mächtiger würde.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 05 vom 28.01.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Wegen Poggenburg haben zahlreiche, auch namhafte Mitglieder die AfD verlassen. "Wir können nicht mehr Mitglied einer Partei sein, in deren Vorstand mit André Poggenburg mindestens ein Mitglied gewählt wurde, der als AfD-Funktionär auf Veranstaltungen gemeinsam mit Neonazis aufgetreten ist", schrieben zehn AfD-Mitglieder aus Baden-Württemberg im Sommer 2015 in einem offenen Brief. Einen "revolutionären Kampfverein" wolle Poggenburg aus der AfD machen, sagte Bernd Kölmel, EU-Abgeordneter, einst AfD-Mitglied.

Als Landesvorsitzender jedenfalls ist Poggenburg etwas Besonderes. Einen wie ihn gab es noch nie. Denn die anderen – Alexander Gauland aus Brandenburg, Björn Höcke aus Thüringen und Frauke Petry aus Dresden –, sie alle vertreten zwar eine "Partei der kleinen Leute". Aber sie gehören nicht zu ihnen. Petry ist promovierte Chemikerin, Höcke Lehrer, Gauland war Zeitungsverleger. Poggenburg gehört nun wirklich zu den kleinen Leuten.

"Politikversagen stoppen" – Poggenburgs Wahlkampf heißt Widerstand

Wer ihn kennenlernen möchte, wird kaum umhinkommen, eine seiner Demonstrationen zu besuchen. Denn die machen einen Großteil seiner öffentlichen Termine aus. Poggenburgs Wahlkampf heißt Widerstand. An einem Abend im Januar lädt die AfD auf den Platz der Deutschen Einheit in Zeitz, der eigentlich nur ein Parkplatz der deutschen Einheit ist. Vor einem Trödelladen. "Politikversagen stoppen" lautet das Motto, aber Poggenburg muss erst das Generatorenversagen stoppen. Denn das Diesel-Aggregat springt nicht an. Poggenburg zieht am Anlasser, aber nichts tut sich. Ersatzweise greift er zum Megafon. "Wer muss weg?", ruft Poggenburg, 180 Demonstranten laufen nun hinter ihm her. Und alle: "Merkel muss weg!" Weiter geht die Prosa der "Patrioten" mit: "Hopp, hopp, hopp, Asylantenstopp". "Kriminelle Ausländer", schreit Poggenburg. "Raus, raus, raus", schreit die Menge.