"Privatparkplatz Don Vincenzo – Wer hier parkt, fährt auf Felgen nach Hause." Das Schild auf dem Firmengelände in Billbrook zeigt, wer hier der Boss ist: Vincenzo Andronaco. In neun Feinkostläden und Bistros verkauft er italienische Spezialitäten. Im Gespräch lacht der 64-Jährige oft, nur ein Thema bringt ihn zum Schreien.

DIE ZEIT: Herr Andronaco, sind Sie 1970 nach Hamburg gekommen, um Geld zu verdienen?

Vincenzo Andronaco: Nein, wegen der Mädchen! Ich war damals erst 18, kam aus einem kleinen Ort in Sizilien. Da gab es eine Bar, eine Kirche, einen Frisör – das war alles. Ein Freund sagte: Mensch, in Hamburg gibt es Diskos! Hübsche Mädchen! 14 Tage später waren wir hier.

ZEIT: Sie kamen zum Partymachen?

Andronaco: Gut, wir wollten auch Geld verdienen. Ich habe immer gesagt: Ohne Geld gehe ich niemals in mein Dorf zurück. Ich zeige Ihnen mal was. (Er steht auf, tippt mit einem Lineal auf ein Foto an der Wand: ein Kirchturm in einer grün-gelben Landschaft) Das ist unser Land in Sizilien. Schon mit 13 habe ich oft auf der Piazza vor der Kirche gesessen und über das Meer nach Kalabrien geschaut. Da dachte ich: Wenn ich 18 bin, bin ich hier weg. Aber damals hätte ich nie gedacht, dass ich einmal 45 Jahre in Deutschland leben würde.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Wie sind Sie aufgewachsen?

Andronaco: Mein Vater hat im Bergwerk gearbeitet, er ist früh in Rente gegangen, er hatte eine Staublunge. Meine Mutter hat sich um den Haushalt gekümmert. Wir hatten viel Land – Zitrusfrüchte, Kastanien, Oliven –, wir mussten viel arbeiten, aber ich habe nie gehungert.

ZEIT: Haben Ihre Eltern die Reise finanziert?

Andronaco: Nein, meine Eltern wollten nicht, dass ich gehe. Aber ich musste weg! Also bin ich mit dem Freund in Messina in den Zug gestiegen und am 18. Januar 1970 um 7 Uhr in Hamburg ausgestiegen. Es waren minus 25 Grad damals. Ich hatte 500 Lire in der Tasche. Die Bank im Hamburger Hauptbahnhof hat uns dafür etwa 2,50 Mark gegeben.

ZEIT: Womit haben Sie hier Geld verdient?

Andronaco: Ich habe erst in einer Aluminiumfabrik gearbeitet, aber die Luft und die Sonne haben mir gefehlt. Dann war ich auf dem Bau, etwa an der Köhlbrandbrücke. Das hat mir gefallen.

ZEIT: Erinnern Sie sich noch, was Sie von Ihrem ersten Lohn gekauft haben?

Andronaco: Wir sind in eine Diskothek in Pinneberg gegangen, da haben wir eine Cola getrunken. Für mehr hat das Geld nicht gereicht. Wir mussten uns ja immer schick einkleiden, Schlaghosen und diese Hemden mit den vielen Blumen. Freitags gab es Geld, am Montag waren wir immer blank.

ZEIT: Hat sich das geändert, als Sie einen eigenen Laden hatten?

Andronaco: Mein erster Laden bestand ja nur aus ein paar Brettern. Das war ein kleiner Obststand am Bahnhof Barmbek. Vier Quadratmeter, 150 Mark Miete. Mit meinem orangefarbenen VW Käfer habe ich die Obstkisten beim Großmarkt geholt. Ich hatte immer die Vision, etwas Großes zu schaffen. Irgendwann hatten wir einen Stand auf dem Großmarkt. Später gab es dort einen ganzen Gang, der mir gehörte: Gang Andronaco!