Angela Merkel hat in ihrer Karriere stets gewusst, wann es Zeit ist, eine wankende Person fallen zu lassen. Derzeit wirkt sie so, als lasse sie sich, nicht ohne Theatervergnügen, langsam selbst fallen. Sie agiert so fatalistisch, abwesend, traumwandelnd, als habe sie mit ihrem überlegenen machtpolitischen Instinkt längst erkannt, dass sie selbst aufs politische Ende zugeht. Sie rückt sozusagen von der eigenen Person ab, von einer Rolle, in der es jetzt Zeit wäre für den großen Monolog, für die Rede ans Volk, für die glaubhafte Klärung der Frage, wie sie "das" eigentlich schaffen will – gegen die von Meinungsforschern ermittelte Mehrheit der Wähler, gegen die schweigende Mehrheit ihrer Partei. Aber sie arbeitet die Agenda ab, lässt sich beim Versehen der Pflicht betrachten und von Deutern umkreisen. Sie weigert sich, nach draußen zu "vergrößern", was in ihr vorgeht. Man könnte sagen: Sie weigert sich, Theater zu spielen.

Das tun derweil andere. Kürzlich hat Horst Seehofer dem Journalisten Thomas Roth in den Tagesthemen ein Interview über eine große Abwesende gegeben. Seehofer sprach über Angela Merkel. Es war eine abgründige Vorstellung. Seehofer führte in wenigen Minuten vor, was die Kanzlerinnenpartei CDU in diesen Monaten durchmacht: die Umwandlung ihrer Loyalität in Auflehnung zum Zweck des Machterhalts.

Seehofer wirkte in diesem Dialog über Merkels Flüchtlingspolitik wie ein Hausbesitzer, der sich in einem Gartenzaungespräch an den vernünftigen Nachbarn zur Rechten wendet, um ihm seine Verzweiflung über die uneinsichtige, unansprechbare, unkontrollierbare Nachbarin zur Linken anzuvertrauen: Ich weiß nicht mehr weiter. Wird diese Irre denn keine Vernunft annehmen? Bemerkenswert ist Seehofers Ton, der Verzicht auf alle gockelige, pumpende Polemik. Anders gesagt, es ist keine Spur Sigmar Gabriel in dieser Performance, sondern: Demut. Vor der Macht, die nicht ausgefüllt wird. Vor dem Amt, das leer steht.

Im Grunde inszeniert Seehofer sich ganz offen als Doppelspieler zum Wohle des Volks: ein Mann, unabkömmlich zugleich in der Regierung und in der Opposition; brüderlicher Partner der Schwesterparteiführerin und deren präsentester Gegner. Das gute alte Theatermittel des "Beiseitesprechens" findet in seinem Auftritt eine neue Variante: Das Beiseite, in das er spricht, ist die Öffentlichkeit der Millionen Menschen, welche die Sendung sehen. Er erinnert fast ein wenig an Kevin Spacey in House of Cards, der sich, wenn er das Entscheidende spricht, direkt an die Kamera, ans Publikum wendet – und nicht an sein Gefolge.

Hier nimmt uns einer "beiseite", um im Vertrauen zu sprechen – über eine Dritte, die das, was er sagt, nicht hören soll. Nein, vielleicht ist es umgekehrt: Er spielt offen mit der Idee der "Taubheit" Merkels. Er sagt: Herr Roth, wir können ganz frei reden über diese Frau, denn sie hört sowieso nichts mehr.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Es ist wohl eine Art von Verrat, dass sich Seehofer in einem derart vertraulich-zerknirschten Gestus an einen TV-Journalisten wendet. Aber die Szene beleuchtet den Machtverfall Merkels perfekt. Seehofers schauspielerische Klasse besteht darin, diesen Dialog wie einen Ausbruch echter Verzweiflung wirken zu lassen. Er schweigt ja auch viel, er vertritt demonstrativ die schweigende Mehrheit. So führt er das Mittel der Kunstpause zu neuen Höhen. Gefragt, ob er noch glaube, dass es eine Verständigung mit Merkel geben werde, gestattet sich Seehofer eine Phase, in der er nur in die Kamera blickt – als lasse er die vielen Sätze still durch seinen Kopf rasen und an sich vorbeiziehen, die er noch nicht sagen kann, die er aber eigentlich sagen möchte – und die er in ein paar Wochen vielleicht wird sagen können.

Aus Seehofers Schweigen brüllt die Botschaft "Merkel muss weg" hervor

In ein paar Monaten werdet ihr möglicherweise wissen, warum ich jetzt schweigen muss: Aus diesem Schweigen brüllt ein "Merkel muss weg" hervor, das kein Pegida-Montagschor gellender hinbekäme. Dieses durch kein "äh", kein "lassen Sie es mich so sagen" gemilderte Schweigen ist einerseits die beste Darstellung des Abgrunds zwischen Merkel und Seehofer. Andererseits schafft es Seehofer, diesen persönlichen Abgrund als etwas viel Schlimmeres erscheinen zu lassen: nämlich als den Abgrund zwischen Merkel und ihrem Volk.

So führt Seehofer ein Gespräch über die Zukunft Deutschlands als ein Gespräch über eine bereits abwesende Regierungschefin – unter Alleingelassenen, Nachbarn, besorgten Bürgern. Wenn es je eine Szene gab, die Zweifel daran weckt, dass Merkel dieses Jahr politisch überleben wird, dann war es diese. Bemerkenswert auch Seehofers Wortwahl. Politik ist eine Sache der großen Zahl, es müssen die berühmten dicken Bretter gebohrt werden – Seehofer aber spricht davon, die Gegenspielerin habe sich um "keinen Millimeter" bewegt. Er verwendet das kleinste Maß, um die Größe der Entfremdung zu schildern. Übersetzt in die aktuell populäre Metaphorik heißt das: Um keinen Millimeter gesunken ist die Menschenflut, die unser Land überschwemmt.

So wird der Öffentlichkeit auch folgende Botschaft hinterbracht: Was im Parlament stattfindet, ist nur noch ein Teil des politischen Handelns. Der andere Teil geschieht gerade hier, im Fernsehen. Ich agiere auf mehreren Bühnen, und ich muss es tun, um das Land zu retten. Denn auf der politischen Bühne herrscht noch die erstarrte Königin.