Viel wurde und wird geschrieben über Unternehmen, die ihre Steuerlast durch einen Umzug nach Irland oder auf die Cayman-Inseln drücken. Einige große Konzerne können diesen Aufwand betreiben, aber was machen die anderen? Die vielen kleinen und mittelgroßen Unternehmen? Gut möglich, dass man beim Nachdenken über diese Frage auf ein bisher kaum diskutiertes und schlimmstenfalls nur schlecht gesichertes Steuerschlupfloch stößt.

Vielleicht ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass ständig etwas "für Sie" erledigt wird. Typischerweise sind das Arbeiten, die Sie weder in Auftrag gegeben haben noch gutheißen und garantiert keinesfalls bezahlen wollen. Trotzdem entsteht hier "für Sie ein neues Einkaufszentrum", dort "renovieren wir für Sie eine Bankfiliale", und anderswo "modernisieren wir für Sie unsere Sanitärmöbelausstellung". Wer "wir" genau ist, wer Ihnen also unaufgefordert irgendwelche Arbeiten abnimmt, erfahren Sie oft gar nicht. Aber können Sie sich vorstellen, dass selbst größere Baustellen niemals für die Bauherren, sondern immer nur für Unbeteiligte wie Sie betrieben werden? Warum stehen an Autobahnen, Brücken, Bahnübergängen und Tunneln so viele "Wir bauen für Sie"-Schilder? Warum sollten die das tun? Warum der ganze Altruismus?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Entweder ist er vorgetäuscht. Oder er dient einem ganz anderen Zweck. Eine Überlegung wäre das wert. Denn in der Tat ist Altruismus gesetzlich geregelt, und zwar in Paragraf 55 der Abgabenordnung. Selbstloses Handeln wird dort behandelt. Es ist die Voraussetzung dafür, dass das Finanzamt die Gemeinnützigkeit anerkennt, was wiederum steuerliche Vorteile mit sich bringt. Ist dieser Paragraf der Grund für die inflationäre Verwendung der Floskel "für Sie"? Man müsste der Sache mal nachgehen. Oder finden Sie eine andere Erklärung? Für mich vielleicht?