Zwei Männer sitzen an diesem Frühlingstag auf einer Promenade der Millionenmetropole. Der Anschlag, den die beiden in der von der Staatsmacht panisch überwachten Stadt mit ihren drei Mitkämpfern geplant haben, soll in wenigen Tagen stattfinden. Der Countdown läuft, der eigene Tod ist wie immer einkalkuliert. Die beiden beobachten derweil die eleganten Damen und Herren um sie herum, bis der eine schließlich feststellt: "So ein Bömbchen hätten sie alle verdient, klare Sache."

Diese Szene, die sich unsere Fantasie des Jahres 2016 bestens vorstellen kann, stammt jedoch keineswegs aus dem heutigen Kabul, aus Paris oder Istanbul. Vielmehr spielt sie im Moskau des Jahres 1905. Und beschrieben hat sie der international gesuchte Topterrorist jener Jahre, der bis heute geheimnisumwitterte Boris Sawinkow, 1879 geboren, im gleichen Jahr wie Stalin und Trotzki. 1908 schrieb er im Pariser Exil den Roman Das fahle Pferd, in dem er kaum verhüllt das von ihm als Cheforganisator des militanten Arms der Partei der Sozialrevolutionäre geplante und durchgeführte Attentat auf den Moskauer Generalgouverneur und jüngeren Bruder von Zar Alexander III., Großfürst Sergej, schildert; dieser war im Februar 1905 durch eine Bombe getötet worden. Albert Camus verarbeitete das Ereignis später in seinem Drama Die Gerechten.

Einhundert Jahre später ist der Terror erneut zu einer Chiffre geworden, diesmal des frühen, globalen 21. Jahrhunderts. Seit dem 11. September 2001 treibt er die Gesellschaften der Gegenwart um, mit einer lange nicht mehr für möglich gehaltenen Intensität. Und auch wenn so ein Bömbchen bis auf Weiteres zu einer schrecklichen Normalität zu werden droht, kommen einem die Debatten über die Ursachen des Terrors oft ratlos bis verwirrt vor. Auch kluge Leute klingen plötzlich naiv, wenn sie nach den beiden Anschlägen von Paris 2015 die Frage stellen: Wie kann es denn bloß sein, dass so schöne, coole, junge Männer und Frauen Terroristen werden? Da aus der alltäglichen Erfahrung im Westen ansonsten tödliche Gewalt weitgehend verschwunden ist, hat man heute keinen Sinn mehr für deren Antriebe. Sondern sucht nach Antworten überall dort, wo die Sache einem scheinbar bekannt vorkommt: irgendwie gruselig und krass, diese bärtigen, betenden Typen, gucken ja auch böse Videos, hören schlimme Musik und spielen brutale Computerspiele. So weit, so dürftig.

© Galiani Berlin

Aber worin bestünde denn stattdessen die Mentalität des Terroristen? Die Antwort liefert keine Talkshow, sondern die Literatur. Es ist ein Glücksfall, dass Sawinkows Roman ausgerechnet jetzt auf Deutsch erscheint, nach einer ersten, unbeholfenen Übersetzung im Jahr 1909. Denn der Ex-Terrorist hat in diesem Buch nicht nur sehr genau geschildert, unter welchem psychischen Druck und mit welcher Ausdauer Attentate vorbereitet werden, wie der organisatorische Alltag des Auskundschaftens, des Tarnens und Verbergens und der strategischen Absicherung aussieht. Sondern er stellt auch die unterschiedlichen Typen vor, die in diesem russischen Terrorteam arbeiten.

Es sind paradigmatische Figuren, wobei es zumindest für den tiefgläubigen Wanja ein reales Vorbild gibt: Iwan Kaljajew, der 1905 die Bombe warf und dafür hingerichtet wurde. Der schwärmerische Wanja erklärt dem Icherzähler, dem Chef der Operation mit dem englischen Tarnnamen George O’Brian, in langen Monologen und mit vielen Bibelzitaten seine christlich grundierte Motivation, als gleichsam transzendierte Anti-Bergpredigt: "Du sollst töten, auf dass die anderen nicht töten. Du sollst töten, auf dass die Menschen in Gott leben, auf dass die Liebe die Welt erleuchtet." Fjodor, der burschikose Arbeiter, hasst die Herrschaftsverhältnisse und will den Kampf, simpel, einfach und hart; er ist es, der mit Bömbchen am liebsten noch ein paar russische Reiche killen möchte. Er fightet, bis er sich, nachdem er einige seiner Verfolger erschossen hat, in auswegloser Lage selbst eine Kugel in den Kopf jagt. Da ist Heinrich, der naive junge Sozialist, glühend, auch vor Liebe zur ernsten Erna, der traurig depressiven Chemikerin, einer unterwürfigen Heiligen, die die Bomben baut und Georges verzweifelte Geliebte war.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Schließlich jener George, in dem sich Sawinkow selbst porträtiert: eine durchaus faszinierende Figur, Prototyp des intellektuellen Nihilisten. Er ist selbst auf der Suche nach den Gründen für sein Töten, macht sich dennoch über Wanjas Beseeltheit lustig, schillert zwischen Eiseskälte und der berauschten Leidenschaft für das Töten – und der zu Jelena, Frau eines wohlhabenden Kaufmanns, die vom Eros des Mörders Sawinkow angezogen wird. Der dichtende, lesende, gebildete George findet seine Antwort: Für ihn geht es nicht um eine moralische Motivlage, ihm geht es um den Rausch der Selbstermächtigung. Er erkennt seine Mission: "Ich bin ein Meister der roten Zunft. Ich will auch in Zukunft mein Handwerk ausüben. Tag für Tag. Stunde für Stunde werde ich Morde ausbrüten. Ich werde alles heimlich beobachten, werde allein vom Tod leben" – "und so fort bis zum Galgen, bis zum Grab."

Schwärmer, Ideologen, Liebende, Gläubige, Eiskalte, Täter

Überraschend an diesem Buch ist Sawinkows gleichsam frühexistenzialistischer Sound, die Sprache ist klar, einfach, in knappen Sätzen, die mal eiskalt, mal ziemlich kitschig glühen. Das macht diesen Roman als Vorgriff auf die Zukunft literarisch interessant, allerdings nicht zu einem Meisterwerk. Der Übersetzer Alexander Nitzberg, der bereits mit vielen Übertragungen der russischen Moderne hervorgetreten ist, erzählt in seinem ausführlichen Nachwort, wie Sawinkow im Pariser Exil unter die Fittiche der Dichterin Sinaida Hippius und des Philosophen Dmitri Mereschkowski geriet. Das russische Intellektuellenpaar war fasziniert von diesem literarisch begabten, intellektuellen Tatmenschen und redigierte kräftig am Text, auch der Buchtitel stammt von Hippius, entnommen der Offenbarung des Johannes. So wie heute war auch damals der Terrorismus ein beliebtes Interpretationsspiel für die europäische Öffentlichkeit – und Mereschkowski entdeckte im Gefolge von Dostojewski den religiösen Antrieb der oft genug ja todgeweihten Attentäter. Diese Atheisten seien "wahre Heilige": "Seit der Zeit der ersten christlichen Märtyrer gab es keine Menschen, die so starben; um mit Tertullian zu sprechen: ›Sie eilen zum Tod wie die Bienen zum Honig.‹" Sawinkow selbst war dem Galgen nur knapp entgangen: 1906 konnte er aus dem Gefängnis entkommen und aus Russland fliehen.

Freilich darf man den Terroristen Sawinkow nicht mit dem Autor Sawinkow verwechseln: Letzterer betreibt nicht einfach die Selbstrechtfertigung eines gehassten und gefeierten Mörders – der Autor Sawinkow will künstlerisch mehr als nur eine scheinbar authentische Erzählung liefern, und schon gar nicht möchte er für den nachträglichen ideologischen Überbau des Terrorismus sorgen. Der Roman ist ein künstlerischer Versuch, der den Zeitgenossen Deutungsvarianten bot. Interessanterweise funktioniert Sawinkows lehrstückhaft inszeniertes Personal heute so perfekt wie damals: Denn wir erkennen in seinen völlig unterschiedlichen Typen von Terroristen die Bandbreite an terroristischer Mentalität heute – Schwärmer, Ideologen, Liebende, Gläubige, Eiskalte, Täter.

Der wesentliche Unterschied von damals zu heute liegt natürlich in der speziellen, durchweg faszinierenden Geschichte des russischen Terrorismus, die der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski in seinem Nachwort noch einmal erzählt. Denn die russischen Terroristen erfreuten sich von jeher heimlicher und offener Sympathie bei vielen, sie betrieben keinen Massenterror, sondern richteten sich gegen Repräsentanten des zaristischen Staates; es ist ja erstaunlich, wie viele Gouverneure, Großfürsten, Ministerpräsidenten bis hin zum Zaren ihnen zum Opfer fielen. Doch die Mentalitäten, das macht dieser Roman deutlich, ähneln jenen Tätern von heute verblüffend.

Boris Sawinkows Leben blieb abenteuerlich – ja, er, der zeitlebens für Eleganz, Luxus und gute Manieren empfänglich war, wäre selbst eine ziemlich gute Romanfigur. Seine Kampfzeit und das Innenleben einer Terrororganisation im zaristischen Russland hat er im Exil unter dem Titel Erinnerungen eines Terroristen detailliert geschildert. 1917, nach der Revolution, kehrte er nach Russland zurück und stellte sich aufseiten der Provisorischen Regierung gegen die Bolschewiki, später im Bürgerkrieg war er einer der führenden Strategen des antibolschewistischen Kampfes. Sein Ende ist so mysteriös wie sein gesamtes Leben: 1924 lockt ihn Dserschinskis Geheimpolizei mit der Vorspiegelung einer geheimen Verschwörung aus dem erneuten Exil wieder nach Russland – wo er festgenommen wird. Im Mai 1925 stürzte er aus dem Fenster des Moskauer Lubjanka-Gefängnisses – ob Unfall, Mord oder Selbstmord, ist bis heute unklar. Vieles spricht jedoch für einen Selbstmord dieses zur Untätigkeit in der Zelle verdammten Abenteurers.

Boris Sawinkow: Das fahle Pferd.
Roman eines Terroristen; a. d. Russischen v. A. Nitzberg; Galiani, Berlin 2015; 304 S., 22,99 €, als E-Book 19,99 €