Für Yasuhisa Toyota, kann man sagen, gehört Warten zum Beruf. Es ist ein kalter Januarmorgen in Hamburg, und Toyota sitzt in einem schmucklosen Konferenzraum des Vespucci-Hauses gegenüber der Elbphilharmonie. Hochtief, die Baufirma des Problem-Konzerthauses, hat sich hier einquartiert, um die Wege zu verkürzen. Die Philharmonie, dieses Mega-Bauprojekt, hat schließlich genug Zeit beansprucht, wenn sie im Januar 2017 wohl endlich eröffnet werden kann. Sieben Jahre später als geplant. "Ohne Geduld", sagt Toyota, "kommst du in dieser Branche nicht weit."

Yasuhisa Toyota, 63, ist der Star einer fast unbekannten Zunft: der Klang-Architekten. Er ist der Designer des Unsichtbaren. Einer, dessen Arbeit ein Konzerthaus an die Weltspitze katapultieren kann – oder in die Bedeutungslosigkeit.

Auf der ganzen Welt hat der Japaner mit dem schwarz-grauen Vollbart schon die Akustik von Konzertsälen erneuert oder gleich ganz designt. Die Reihe reicht vom Sydney Opera House in Australien, der Konzerthalle des Mariinski-Theaters im russischen St. Petersburg, der japanischen Fukushima Concert Hall und der Philharmonie in Paris bis zur Walt Disney Concert Hall in Los Angels. Letztere brauchte übrigens stolze 16 Jahre bis zur Eröffnung.

Toyota ist gefragt, und er ist viel unterwegs. Erst einen Tag vor dem Treffen mit der ZEIT ist er in Hamburg angekommen, davor war er in Berlin, München, Moskau. Noch am Nachmittag fliegt er weiter nach Tokio, am Wochenende dann zurück nach Los Angeles, wo er seit vielen Jahren mit seiner Frau lebt.

Eines der höchsten Ziele seiner Arbeit sei, sagt er, "dass das Publikum überall gleich gut hören kann. Egal, ob jemand in der ersten oder letzten Reihe sitzt." Um das zu erreichen, müssen sich Akustiker wie er eng absprechen mit den Architekten der Konzerthäuser – im Hamburger Fall mit dem Büro Herzog & de Meuron, das die Philharmonie entworfen hat. Mindestens alle zwei Monate trifft er die Architekten in Hamburg oder der Schweiz. "Grundsätzlich sind die Architekten für die Innengestaltung des Konzertsaales verantwortlich", sagt Toyota. "Wenn ein Gestaltungselement toll für die Akustik wäre, aber überhaupt nicht ins Design passt, muss ich zurückstecken."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Für die Demokratie des Klangs, dafür, dass jeder Zuschauer gleich gut hören kann, sorgen in der Elbphilharmonie 10.000 individuell gefräste Gipsplatten, deren Muster an Fischschuppen erinnert. Die Platten werden in diesen Tagen montiert. Zuvor hat es bereits ein Jahr gedauert, sie herzustellen, weil zunächst die Maschinen dafür gebaut werden mussten.

Ein aufwendiges Klangkonzept, das gut vorbereitet sein will. Geplant hat Toyota es deshalb nicht erst im Rohbau der Philharmonie, sondern an einem maßstabsgetreuen, fünf mal fünf Meter großen Sperrholzmodell. Um die Akustik möglichst gut zu simulieren, saß auf jedem einzelnen der 2150 Mini-Zuhörerplätze eine Puppe mit Filzmantel. Für die Tests wurden im Modell an 56 unterschiedlichen Stellen Tonfrequenzen gemessen, damit ein genauer Eindruck des späteren Klangs entsteht. Ein guter Akustiker, sagt Toyota, müsse etwas von Mathematik und Physik verstehen, um die komplizierten Modellrechnungen durchführen zu können.

Toyota wollte eigentlich professioneller Oboist werden, merkte dann aber schnell, dass er trotz unzähliger Übungsstunden nie ein ausreichendes Niveau erreichen würde. Um den Kontakt zur klassischen Musik zu halten, ging er nach Kiushu, einer 13-Millionen-Einwohner-Insel im Süden Japans, und studierte Akustikdesign.