Als Mohammed Abbas an einem Mittwoch Anfang November in Deutschland ankam, dachte er: Ich bin im Paradies. Er sah die Skyline Frankfurts, Männer in schicken Anzügen und Autos, die glänzten, als wären sie gerade erst aus der Fabrik gekommen. Abbas hoffte, bald ein Teil dieser Welt zu sein. Es schien nicht unwahrscheinlich.

Der 43-Jährige ist ein Ingenieur aus Aleppo, und er hatte das Gefühl, Bundeskanzlerin Angela Merkel auf seiner Seite zu haben. Sie hatte die Syrer ja persönlich eingeladen, so sah es Abbas, der eigentlich anders heißt. Die ersten Deutschen, die er traf, begrüßten ihn freundlich. Sie gaben ihm zu essen und zu trinken. Abbas hatte einen langen Weg hinter sich, von Syrien aus über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien bis nach Österreich. Je näher er Deutschland kam, desto besser wurde es, sagt er.

Noch bevor er dort das erste deutsche Flüchtlingscamp betrat, nahm Abbas sein Handy. Er rief seine Frau in Aleppo an, die er mit seinen vier Söhnen dort gelassen hatte. Das hier ist ein gutes Land, sagte er, hier können wir leben. Habt ein wenig Geduld, bald werde ich euch nachholen.

Heute, drei Monate später, ist Abbas ein verzweifelter Mann, seine Geschichte ist die einer enttäuschten Hoffnung. Es ist die Geschichte einer Flucht, wie es sie zurzeit zu Hunderttausenden gibt, nur, dass sich ihre letzte Wendung von den meisten anderen unterscheidet.

"Nach Deutschland zu kommen", sagt der Syrer, "war der größte Fehler meines Lebens." Abbas will zurück nach Aleppo, so schnell wie möglich.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Freiwillige Ausreise", unter dieser Kategorie fassen deutsche Ausländerbehörden alle Migranten, die das Land nicht in einem Abschiebeflugzeug verlassen, sondern selbstständig gehen. Hamburg fördert solche Ausreisen, weil sie günstiger sind als Abschiebungen. Die Stadt übernimmt die Reisekosten und zahlt eine sogenannte Starthilfe. Ein Pakistaner bekommt 500 Euro, ein Armenier 300. Im vergangenen Jahr nahmen gut 800 Menschen solche Angebote an. Meist kehrten sie in sogenannte sichere Herkunftsstaaten zurück.

Seit Anfang November jedoch, so beobachten es die Sozialarbeiter im von der Stadt geförderten Hamburger Flüchtlingszentrum, gibt es eine neue Entwicklung: Mehr und mehr Flüchtlinge aus Krisengebieten melden sich mit dem Wunsch, Deutschland zu verlassen. Es sind Menschen, die gute Chancen auf Asyl haben. Iraker oder Afghanen, die freiwillig in ihre Länder zurückgehen, seien früher Einzelfälle gewesen, sagt Anne Helberg, eine Beraterin im Flüchtlingszentrum. Heute habe sie Dutzende solcher Anträge, alleinstehende Männer und Familien, die zurück nach Bagdad oder Kabul wollen. Es komme jetzt sogar verstärkt vor, dass Syrer wegwollen aus Deutschland. Helberg und ihre Kollegen bearbeiten zurzeit mindestens 30 solcher Anträge.

Da ist ein junger Syrer, dessen Familie in der Nähe von Rakka geblieben ist, im Zentrum des Herrschaftsgebiets des "Islamischen Staats". Seine Frau ist erkrankt und braucht seine Hilfe. Sie fleht ihn an, zurückzukommen.

Da ist ein Iraker, dessen Frau zu Hause unter Depressionen leidet und drohte, sich anzuzünden, falls ihr Mann nicht zurückkehrt.

Da ist ein syrischer Vater, der mit seinen zwei Söhnen schon einige Monate in Hamburg lebt, aber bis auf die Registrierung noch keinen Schritt seines Asylverfahrens durchlaufen hat; der zusehends verzweifelt, die Enge in der Erstaufnahmeeinrichtung nicht mehr aushält und nun hofft, mit seiner Frau in der Türkei leben zu können.

Manche der Männer erzählen, dass ihre Frau sie davon abhalten wollte, nach Deutschland zu fliehen. Dass sie sich aber durchsetzten – und sich nun für ihre Dummheit verfluchen.