Bei Mohammed Abbas ist das anders: Er habe die Flucht gemeinsam mit seiner Frau geplant, sagt er. Sie hätten sich Deutschland ausgesucht, weil Freunde ihnen erzählt hätten, dass hier Ingenieure gebraucht würden. Weil Deutschland für seine Familienfreundlichkeit bekannt sei. Und, natürlich, wegen der perfekten Organisation.

Weil Abbas ein höflicher Mann ist, versichert er schnell, die Deutschen seien ein gutes Volk, sie hätten offene Herzen. Aber er habe den Eindruck, dass die Politiker eigentlich keine Flüchtlinge wollten, dass die Grenzöffnung ein Unfall gewesen sei. Und dass es nun vor allem darum gehe, all die Ausländer wieder aus dem Land zu ekeln.

Abbas fühlt sich betrogen, vom deutschen Staat und von Bekannten und Verwandten, die vor ihm hier ankamen und schwärmten, wie toll es sei. Er habe aus Ärger viele Kontakte gekappt, sagt Abbas, und er kenne andere Syrer, die es ähnlich gemacht hätten. Aber egal wie oft er Verwandten zu Hause erzähle, dass es frustrierend sei in Hamburg – sie glaubten ihm nicht und kämen trotzdem.

Die Lage, in der sich Abbas befindet, ist in mancher Hinsicht exemplarisch. Im Sommer, als Zehntausende nach Deutschland kamen, waren die meisten Flüchtlinge froh, angekommen zu sein an einem Ort, an dem sie wieder wie Menschen behandelt wurden. Aber Menschen wollen nicht nur ausharren und in Sicherheit sein. Sie wollen etwas tun, und sie haben Ansprüche. Und Männer wie Abbas befinden sich seit Monaten in einer emotionalen Ausnahmesituation. Sie stehen unter ständigem Druck.

Das erklärt Abbas’ Wut, und es erklärt, warum sogar dieser zurückhaltende Mann mal laut wird. "Warum tut Deutschland mir das an?", fragt er. Er wirkt verzweifelt.

Die Behörden brauchten über einen Monat, um ihn als Flüchtling überhaupt zu registrieren, erzählt er. Seitdem herrsche Stillstand. Der nächste Schritt im Asylprozess, sein Termin zur "erkennungsdienstlichen Behandlung und Aktenlage", soll bis Juni stattfinden. Wann genau? Sagt ihm niemand. "Ich weiß, dass die Behördenmitarbeiter mir helfen könnten", sagt er. "Aber sie wollen wohl nicht."

Das Warten enttäuscht. Die Enttäuschung frisst sich ein und wird zur Verbitterung, bei Abbas sogar zu Panik. Immer wieder fragt er: "Was macht ihr mit mir? Warum lasst ihr mich so lange warten?" Dann sagt er: "Ich habe eine Familie, die im Krieg lebt, ich muss meine Kinder herholen!"

Doch es geht nicht voran. Stattdessen sitzt er jeden Tag mit 15 anderen in einem Raum, der, sagt Abbas, Platz für höchstens fünf Bewohner biete. Der Sicherheitsdienst des Camps in Osdorf behandle ihn und die anderen Flüchtlinge wie Untergebene. Privatsphäre gebe es nicht, er ziehe sich jeden Morgen unter seiner Bettdecke um, um die Frauen im Raum nicht zu belästigen.

Die Lage in den Camps, sagt Anne Helberg vom Flüchtlingszentrum, sei für viele der freiwillig Ausreisenden der erste Anstoß. "Oft haben die Männer eine völlig andere Vorstellung von Deutschland", sagt sie. Die tatsächliche Lage sei dann ein großer Schock – "und aus diesem Schock heraus treffen die Männer die Entscheidung, zurückgehen zu wollen".