Oldenburg ist ein guter, vielleicht sogar der ideale Ort, dem bürgerlichen Deutschland den Puls zu fühlen. Um zu schauen, wie sich die Angst ausbreitet. Es ist eine übersichtliche Stadtgesellschaft, nicht zu groß und nicht zu klein geraten, rund 160.000 Menschen leben dort.

Mittendrin steht ein Schloss, zitronengelb, und vor ein paar Tagen liegt noch Schnee auf Dach und Stuck, als hätte jemand entschieden, alles mit Zucker zu verzieren. Ältere Damen mit Angoramützen stapfen durch den Schnee und bemühen sich, nicht auszurutschen. Väter in Funktionsjacken schieben Kinderwagen übers Kopfsteinpflaster. Ab und zu radelt jemand auf einem Hollandrad vorbei. In den nahen Gassen hat eine Polsterei geöffnet, eine Weinhandlung und ein Laden, der vegane Seifen verkauft, um die Ecke gibt es Golfschläger. Die Wohlstandsrepublik geht hier zu Fuß einkaufen.

Doch durch diese heile Welt geht ein Riss, seit es auch in Oldenburg sexuelle Übergriffe gab. Dabei ist weniger entscheidend, dass nur einer angezeigt wurde. Es geht darum, dass es geschehen ist. Der Polizei zufolge waren vier Flüchtlinge, Algerier und Marokkaner, und ein besoffener Deutscher beteiligt. Einem der Flüchtlinge lässt sich wohl nachweisen, dass er eine Frau begrapscht und sexuell belästigt hat. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft, und Oldenburg fügt sich ins aktuelle Lagebild des Bundeskriminalamts. Dem zufolge kam es in zwölf Bundesländern zu Übergriffen. Nordrhein-Westfalen meldet mehr als tausend Anzeigen in Köln, Düsseldorf und Bielefeld, Bayern 27 Fälle mit Schwerpunkten in Nürnberg und München, elf wurden in Bremen angezeigt – einer in Oldenburg.

Flüchtlinge - "Wir möchten Deutschland etwas zurückgeben" Der syrische Flüchtling Basel Esa ist immer noch entsetzt über die Ereignisse in der Silvesternacht. Gemeinsam mit anderen Syrern will er deshalb ein Zeichen gegen Sexismus setzen. Kriminellen Asylbewerbern würde er jede Unterstützung entziehen.

Seither kann man minutiös beobachten, wie die Stadt in Wallung gerät. Wie ein Rentner erst eine Bürgerwehr gründet und flucht, nun sei "Achmed mit der Samenkanone" im Land. Wie daraufhin Flüchtlinge gegen Gewalt demonstrieren und skandieren: "Wir wollen gute Nachbarn sein!" Wie die Antifa gegen die Bürgerwehr und generell gegen Ausländerfeinde marschiert. Wie die Polizei ihre Präsenz auf den Straßen massiv verstärkt und wie die Verunsicherung trotzdem weiter durch die Straßen kriecht, in die Vororte und auch bis ins Wohnzimmer von Michael Onken, 38, Mary-Ann Nawrocki, 35, und Maxime, 13.

Die drei leben in Rastede, einem Vorort von Oldenburg. Michael hat Informatik studiert und ist Softwareentwickler. Er trägt eine blaue Jeans und darüber ein graues T-Shirt. Mary-Ann, Halbbrasilianerin, schwarze Locken, arbeitet als Einzelhandelskauffrau in einem Uhrengeschäft. "Hier kennt wirklich jeder jeden", sagt Mary-Ann. "Ich dachte, ich muss mir keine Sorgen machen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Zusammen mit Michael, mit dem sie seit drei Jahren zusammenlebt, sitzt Mary-Ann nun auf einer beigfarbenen Eckcouch im Wohnzimmer und versucht zu erklären, wie die Angst sich in ihr Leben schlich. Im September, als die vielen Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof willkommen geheißen wurden, saßen auch sie vorm Fernseher und verfolgten die Bilder. Mary-Ann dachte: "Ich bin stolz auf dieses offene, gastfreundliche Land." Zusammen mit Michael überlegte sie, wie sie selbst helfen könnten. Kurz darauf spendeten sie Kleidung und Decken.

Dann aber kam Köln, der Übergriff in Oldenburg, die Angst. "Mein erster Gedanke war: Was hättest du in der Situation dieser Frauen gemacht?", sagt Mary-Ann. Ihre intuitive Antwort: "Ich hätte mich wohl gewehrt." Dann aber schoss ihr sofort eine zweite Frage durch den Kopf. Und die lässt sie bis heute nicht los: "Was, wenn es deiner Tochter passiert?" Seither darf Maxime, die früher oft allein ins Stadtzentrum von Oldenburg fuhr und sich mit ihren Freundinnen zum Shoppen traf, nur noch in Begleitung ihrer Mutter dorthin. Ein Weilchen allein bummeln darf sie dann nur entlang der Hauptstraßen, wo genug los ist. Im Dunkeln darf sie es gar nicht. "Das ist schon doof", findet Maxime, die kurz aus ihrem Zimmer kommt und sich dazusetzt. Aber sie kann es verstehen. "Es ist ja auch gefährlich."