Wäre das Steinhaus mit dem dunklen Holzgiebel, in dem Friedl Reinbold und ihr Mann Reinhard Weidl leben, nicht bewohnt, könnte es als Museum dienen. Zwischen den dichten Wäldern des Berchtesgadener Lands, in den unzugänglichen Bergen auf einer Lichtung stehen fünf Häuser. Gebaut wurde die kleine Siedlung in den dreißiger Jahren, vor dem "Anschluss" Österreichs, um die Grenzen des Deutschen Reiches zu schützen. Hier lebten die Zoll- und Grenzbeamten. Ein kleines Sträßchen, kaum breit genug für ein Auto, führt 50 Meter weiter nach Österreich.

Als Schlagbäume hier noch den Weg versperrten, blühte der Schwarzmarkt. Mit viel Aufwand wurden groß angelegte Schleierfahndungen betrieben, Zöllner und Schmuggler lieferten sich abenteuerliche Verfolgungsjagden durch die Wälder und über die Berge. Die Räubergeschichten werden oft erzählt und hören sich an wie aus längst vergangenen Tagen. Denn mittlerweile ist die Grenze unsichtbar geworden.

Reinbold und Weidl leben den europäischen Traum der offenen Grenzen und Völkerverständigung. Zum Einkaufen schlendern sie über den Markt im nahen Hallein und bestellen dort wie selbstverständlich 10 Deka statt 100 Gramm Aufschnitt. Weidl pendelt jeden Morgen zu seinem Schreibtisch in einem Verlag nach Salzburg. Der gemeinsame Sohn studierte in Wien. Reinbold organisiert Theaterabende mit deutsch-österreichischen Ensembles, die dies- und jenseits der Grenze auftreten.

Seit im vergangenen Jahr über eine Million Flüchtlinge nach Deutschland strömten, die meisten davon über Österreich, droht diese offene Grenze zur Zerreißprobe für Europa zu werden. Die Harmonie in der Grenzregion könnte bald vorbei sein.

Als im September die Bundespolizei begann, an den Grenzübergängen Ausweise zu kontrollieren, wurde vieles anders für die Bewohner. Plötzlich waren da wieder Ängste und gegenseitige Vorwürfe: Österreich winke die Flüchtlinge einfach nur durch nach Bayern, schimpfte Ministerpräsident Horst Seehofer. Was passiert mit dem Rückstau, wenn der große Nachbar im Norden wirklich dichtmacht und keine Flüchtlinge mehr aufnimmt, fragen sich viele in Österreich. Dabei gehört zur Geschichte der beiden Länder seit je auch der Grenzübertritt.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 05 vom 28.01.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Über Salzburg führen die Handelsrouten auf den Balkan und bis in die Türkei. Es ist auch der Weg, den in der anderen Richtung Drogenkuriere gerne wählen. Immer wieder gelingen Fahndern hier spektakuläre Funde.

Berchtesgaden, das ist ein Zipfel Deutschland, der nach Österreich hineinragt. "Wir sind von drei Seiten von Österreich umgeben, natürlich haben wir immer gute Kontakte gepflegt, Grenze hin, Grenze her", sagt Friedl Reinbold. Die Handelswege für das Salz aus den Stollen von Hallein, Bad Reichenhall und Berchtesgaden verbanden die Gegend seit Jahrhunderten. Salzburg fühlten sich viele Menschen in der Gegend emotional immer schon näher als dem fernen, fremden München.

Wenn sich Weidl und Reinbold die Wanderstiefel schnüren, klettern sie über die ausgetretenen Waldpfade zu den schroffen Gipfeln hinauf, die sich gleich hinter ihrem alten Grenzhaus erheben. Immer wieder säumen große Metallschilder die Pfade: "Vorsicht! Bundesgrenze" steht darauf. "Man ist hier ständig mit einem Fuß in Österreich", sagt Weidl. Zill heißt die Hochebene, auf der das Haus des Ehepaars steht. Alte Berchtesgadener kennen sie als einst legendäre Schwarzmarkt-Route nach Österreich. Noch heute ranken sich Mythen um den "Kuhstand", einen Felsunterschlupf im spröden Granit, verwachsen mit Moos und Büschen. Ein ideales Versteck für alles und jeden, der nicht gefunden werden will.