Menschenverachtend sei der Hass, Abgeordnete würden angefeindet, als unfähig, dumm, verlogen dargestellt, das Parlament dürfe sich davon keinesfalls einschüchtern lassen. Mit diesen Worten eröffnet Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) am Mittwoch vor zwei Wochen eine denkwürdige Bürgerschaftssitzung. Dann richtet sie einen Appell an ihre Kollegen: "Die Menschen in unserer Stadt erwarten von uns Antworten auf die drängendsten aktuellen Fragen." Gemeinsam müsse das Parlament um Lösungen ringen in "Würde und Ernst im Umgang mit der eigenen Rolle".

Doch mit der Würde ist es dann schnell vorbei. 80 Minuten lang geht es nach Carola Veits Mahnung um die Übergriffe in der Silvesternacht – und wie.

Immer zorniger werden die Reden, immer heftiger die Störversuche von den Bänken, phasenweise erinnert das Spektakel eher an das Gekeife einer Facebook-Debatte als an eine politische Auseinandersetzung. Die Abgeordneten werfen einander vor, unsachlich zu sein, die Vorfälle politisch auszunutzen, zu lügen oder gar Verhältnisse wie zum Ende der Weimarer Republik herbeizuführen. Mit jeder Minute wird das Geschrei lauter, mit hochroten Köpfen brüllen Politiker in den Saal, unterbrechen sich, beschimpfen sich. Noch Tage später werden Politikerinnen bei der Nachbetrachtung dieser Sitzung mit den Tränen kämpfen.

Und SPD-Fraktionschef Andreas Dressel wird sagen: Man habe "nach draußen schon eher das Bild eines Kindergartens vermittelt".

Die Stimmung in der Stadt ist aufgeheizt – und jetzt auch in der Bürgerschaft. Dort geben sich viele Abgeordnete inzwischen kaum noch Mühe, professionell Ruhe zu bewahren. Aber was heißt es für die politische Kultur einer Stadt, wenn sich Druck in einem solchen Maße auf die Bürgerschaft überträgt?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Seit Monaten schon klagen Politiker, über immer üblere Beleidigungen, harsche Mails, sogar Morddrohungen. Seit den Übergriffen an Silvester ist der Ton noch schärfer geworden. Laufend werden die Abgeordneten in sozialen Medien als Teil eines angeblich korrupten Systems beschimpft und persönlich beleidigt. Viele geben den Druck inzwischen in der Bürgerschaft weiter – und schimpfen laut mit. "Wir Abgeordneten sind genauso emotionalisiert wie viele Hamburger", sagt Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit. "Das überträgt sich natürlich auf unsere Debatten."

Wohin das führt, konnte man an jenem Mittwoch beobachten: Die CDU wollte den zurückgetretenen Innensenator Michael Neumann (SPD) und die Innenpolitik des Senats kritisieren, schickte sechs Redner mit immer neuen Thesen nach vorn ans Pult. SPD und Grüne verweigerten sich der Debatte, beschränkten sich eine Stunde lang nur auf Zwischenrufe, weil die CDU verhindert hatte, dass der neue Innensenator Andy Grote, SPD, zu den Vorwürfen Stellung nehmen konnte. Die AfD wetterte gegen die Bundeskanzlerin.

Ein ernsthafter Streit um die Ursachen der Silvestervorfälle? Vorschläge, wie solche Taten künftig zu verhindern sind? Fehlanzeige.

Müsste das Parlament nicht gerade in dieser Situation Souveränität ausstrahlen? Wäre es nicht Aufgabe von Politik, dem bisweilen irrationalen Gemenge aus Angst, Ohnmacht und Wut rationale Analysen und Vorschläge entgegenzustellen? "Wir sind mehr Abbild der Gesellschaft als Vorbild", sagt CDU-Fraktionschef André Trepoll. "Alle Abgeordneten sind momentan angegriffener und dünnhäutiger. Aber positiv gewendet kann man sagen: Wir nehmen die Diskussionen auf, die in der Stadt auch geführt werden."

Negativ gewendet könnte man auch sagen: Die Bürgerschaft ist zum Teil des Problems geworden. Die Abgeordneten lassen sich von außerparlamentarischen Wutwellen mitreißen und geben der Wut damit neue Nahrung. Nicht die Analysen werden schärfer, sondern nur die Attacken.