Martin Wuttke in Frank Castorfs "Judith" © dpa

Dann sind die Stühle auch noch so unbequem. Sehnsüchtig blickt man auf die Bühne, wo sich die Sitzsäcke zu einem monumentalen, düsteren Berg stapeln, auf dem die Schauspieler herumkraxeln. Von solchen schwarzen Ungetümen aus hatte man letzte Saison bei Frank Castorfs Inszenierung der Gebrüder Karamasow bequem furiose sechs Stunden erleben können.

Jetzt muss man stattdessen auf jämmerlichen Plastikstühlchen, die unter dem Gewicht der erschlaffenden Zuschauer fast zusammenbrechen, die fünf Stunden über sich ergehen lassen, zu denen Castorf Friedrich Hebbels Judith aufgeblasen hat, indem er das Stück mit anderen Texten vermengte. Eine monolithische Textgeschwulst wälzt sich über die Bühne, die selbst die endlich wiedervereinigten großartigen Schauspieler Birgit Minichmayr und Martin Wuttke als Judith und Holofernes nicht bewältigen können. Doch wie so oft bei Castorf wird man von der zweiten Hälfte für das Ertragen der ersten belohnt.

Die biblische Geschichte der schönen Judith, die ihre Heimatstadt Bethulien vor der Belagerung durch den assyrischen Feldherrn Holofernes rettet, indem sie ihn mit seinem eigenen Schwert enthauptet (nachdem sie mit ihm geschlafen hat), wurde von Friedrich Hebbel 1840 leicht verändert auf die Bühne gebracht. Bei Hebbel ist Judith eine selbstlose Kämpferin nicht bloß für ihr Volk, sondern auch für ihre Sexualität. In Bethulien kann ihr niemand das Wasser reichen, die Männer, die sie losschickt, um gegen Holofernes zu kämpfen, sind Schlappschwänze. Also zieht sie selbst aus und trifft in Holofernes jemanden, der ihr ebenbürtig ist. Sie tötet ihn schließlich aus Scham darüber, dass ihre Lust sie überkommen hat, nicht nur um ihr Volk zu retten. Das mittelöstliche Setting des Stoffes und der Text auf der Website der Volksbühne ließen befürchten, es werde der "Islamische Staat" und vielleicht sogar Köln zum Thema gemacht. "Auch heute gibt es Kämpfer, die, möglicherweise aus ähnlichen Gründen wie Judith, die Ungläubigen, d. h. den Westen ficken wollen. Diese Kämpfer sind fasziniert von dessen Errungenschaften, ihre Drahtzieher lieben Gucci und Versace, und sie machen sich die westlichen Technologien, insbesondere die Medientechnologie, zu eigen." Oje, geht es hier schon wieder um den arabischen Mann?

Doch von Castorf kommt natürlich nichts so Banales. Als nach der Pause endlich der brillante Chor auftaucht, beginnt man zu verstehen, was hier bezweckt wird. In einem orangen Zelt eingeschlossen, tanzen die zwanzig Choristen zu außerordentlich gutem Techno, sie raven, während sie Jean Baudrillards Hass vortragen, und man erkennt: Diesen Text muss lesen, wer begreifen will, was gerade in der Welt passiert, was Terrorismus ist, was Hass, was Krieg. Dabei geht es gar nicht so sehr um den arabischen Mann, sondern um den Mann an sich, vielleicht auch um einen spezifischen Mann. Martin Wuttke sprintet krächzend und fistelstimmig schreiend, mit schütterem Pferdeschwanz, in Camouflage-Leggins und schwarzem Kaftan linkisch und verstörend ungelenk über die Bühne wie ein Techno-Goth, der im Ketaminrausch im Berghain herumkriecht wie ein Bandwurm. Unentwegt labert er vom Gott Baal.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Da war doch was. Ist es etwa Castorf selbst, dessen Inszenierung von Baal rüde von Bertolt Brechts Erbin unterbunden wurde? Dem Publikum werden die Namen antiker mittelöstlicher Götter um die Ohren gehauen, die aus Antonin Artauds Stück Heliogabal geholt wurden, von denen wohl kaum jemand schon mal gehört hat und deren genaue kultische Unterschiede im metaphysischen Gebrabbel untergehen und die Aufmerksamkeit der Zuschauer gleich mit.

"Neoliberalistischer und neoislamistischer Fundamentalismus sind vergleichbar in ihrem Dogmatismus und ihrer Ignoranz gegenüber der Geschichte, aber besonders in ihrer Spektakelhaftigkeit und in ihrer Medienfixiertheit", verkündet die Website, und wir verstehen: Dogmatismus, religiöser Fanatismus, göttliche Berufung, alles relativ, banal, im Rückblick so absurd wie das Schicksal des römischen Kaisers, der den syrischen Gott Eliogabal dem Jupiter vorzog und dafür von den Römern in einer Latrine ertränkt und mit Schwertern niedergemetzelt wurde.

Zum Schluss wird ein ausgestopftes Kamel auf die Bühne gefahren – nein, es geht, es ist echt! Die Realität steigt in die Nase, das Kamel stinkt, und es hat sehr, sehr viel Geld gekostet, lässt Judith mit verdrehten Augen wissen, bevor sie es gleich wieder hinausführt. Zwischen den langen Predigten des Absurden verschwinden die Schauspieler immer wieder in den orangen Zelten zur linken oder in den Gemächern im hinteren Teil der Bühne, wo sie von Kameraleuten verfolgt werden, die das Geschehen auf die Leinwand projizieren, auf der sonst Aufnahmen von mittelöstlichen Ruinen laufen oder eine Stummfilmversion des Judith-Stoffes, schön orientalisiert.

Dann endlich ein Twist: Judith wickelt Holofernes in eine schwarze Plastikplane und fickt ihn zu Tode. Nein, diese Judith muss sich keines fremden Phallussymbols bedienen, um zu ihrem Recht zu kommen, Penisneid muss nicht sein, sie hat die Kraft ihrer Vagina. Blöd nur: Als sie sich nach getanem Mord in ihre Gemächer flüchtet, wartet da der Holofernes bereits auf sie, ein Zombie, nicht totzukriegen, das Prinzip Mann, wie der Imperialismus, Machismo, Größenwahn und wohl Castorf selbst. Das vorletzte Wort hat Holofernes, dessen wahnsinniges Auge riesig auf der Leinwand prangt, von wo aus es Furcht und Schrecken in den Herzen der Zuschauer verbreitet, wie es diese Inszenierung tut und das letzte Wort auch: Allahu Akbar! dröhnt aus den Lautsprechern, im Elektro-Remix als Abspann, zu dem die erschlagenen und doch laut applaudierenden Zuschauer sich aus dem Saal schleppen.