Lieber Fritz, das Schreibzeug für den Brief zu Deinem Neunzigsten lag schon bereit, als die ZEIT anrief: Ob ich wohl die Glückwünsche zu Deinem Großgeburtstag überbringen würde, und ja: sie dürften auch ein wenig persönlicher ausfallen.

Wo anfangen? Vielleicht nicht bei Gold und Eisen, Deinem berühmten, eleganten Buch über Bismarck und seinen jüdischen Bankier Bleichröder, nicht bei den luziden Essays etwa über Bethmann Hollweg, Albert Einstein oder Deinen Patenonkel Fritz Haber und auch nicht bei Deiner großen Studie über den Kulturpessimismus als politische Gefahr im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sondern am besten in unserer Gegenwart – die Dich, wie mir scheint, politisch mehr denn je beunruhigt, ja gefangen nimmt.

Und schon muss ich mir selbst ins Wort fallen: Zum "politischen Historiker" bist Du nicht irgendwann geworden, Du bist als Homo politicus in die Zunft – fast hätte ich gesagt: auf die Welt – gekommen. Vielleicht kein Wunder, aber ein frühes Zeichen dieser Aufgewecktheit war es, dass der am 2. Februar 1926 geborene Spross einer Breslauer Medizinerdynastie am 30. Januar 1933 auf dem Nachhauseweg von der Schule aus eigenem Antrieb das Extrablatt für den Vater erstand. Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, das hattest Du bereits begriffen, war keine gute Nachricht.

Die Zerstörung der Demokratie in Deutschland, spätestens aber die Emigration der Sterns im Oktober 1938 bedeutete auch das Ende einer Familientradition. Denn wer als frisch gebackener New Yorker Teenager politisch zu korrespondieren beginnt, zum Beispiel mit dem legendären Bürgermeister La Guardia, der ist für den Arztberuf verloren. Der übt sich schon in seiner künftigen Rolle als public intellectual, der eintreten wird für die Werte der Aufklärung, der Freiheit, der kritischen Vernunft. Fünf Deutschland und ein Leben, Deine wunderbaren Memoiren, legt davon Zeugnis ab.

Wer die Kunst der Geschichtsschreibung so glänzend beherrscht wie Du, lieber Fritz, der ist vor Enttäuschungen zwar nicht gefeit, aber der hat gelernt, mit ihnen umzugehen. Der sieht völlig klar, um nur ein Beispiel anzuführen, mit welch messianischen Erwartungen seine Landsleute im Frühherbst 2008 die Präsidentschaftskandidatur eines Barack Obama überfrachten. Und der beendet dennoch vorzeitig seinen sonntäglichen Spaziergang durch die laubglühenden Alleen in Princeton, weil ein Freund und Nachbar wartet, mit dem er für ein Stündchen als Wahlhelfer anpacken will. So laufe ich alleine weiter und stelle mir Dich beim Telefonieren im Parteilokal vor: "Hi, I am Fritz, could I talk to you about the forthcoming elections ..."

In den vergangenen Jahren ist Deine Kritik zusehends schärfer geworden an dem Land, das Dich und Deine Familie vor langer Zeit aufgenommen hat und dem Du bei vielen Gelegenheiten dankbar und mit Freude gedient hast – ich denke zum Beispiel an Deine Rolle als Berater des amerikanischen Botschafters Richard Holbrooke in Bonn. Man spürt jetzt aus jedem Deiner Interviews, wie sehr die Ideologisierung der Politik, der Machtanspruch des großen Geldes und die soziale Spaltung der amerikanischen Gesellschaft Dich schmerzen. Nun treibt auch noch das europäische Desaster die beispiellose Krise des Westens voran.

Das alles zeigt nur, lieber Fritz: Wir brauchen weiter Deine Stimme. Denn ich kenne keinen, der uns eindringlicher daran erinnern könnte, was Du in einem langen Leben erkannt und erfahren hast: Was wird, liegt an uns. Die Geschichte ist offen.

Der Historiker Norbert Frei lehrt in Jena und leitet das "Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts"