Am Landgericht Saarbrücken wurde der Fall von Kimberly verhandelt. ©Oliver Dietze/dpa

Fünf Monate nach all dem Blut sitzt Kimberly, 20 Jahre, fast ein Mädchen noch, verschüchtert auf einem roten Ledersofa und träumt zaghaft von einer heilen Welt, einer heilen Familie, einem heilen Leben. Sie sagt: "Ich will, dass alles wieder gut wird. Ich will eine Ausbildung machen und mit meiner Schwester und meiner Oma in ein Haus ziehen, woandershin. Kein Streit mehr. Und Ruhe." Ruhe vor allem.

Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Saarbrücken gegen Kimberly R., geboren 1995 in Saarburg, Familienstand unbekannt, deutsche Staatsangehörige. Sie wird beschuldigt, "versucht zu haben, einen Menschen zu töten". Versuchter Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Ein Familiendrama in Behördensprache. Dahinter eine Welt ohne Anhaltspunkte, ein wirres Leben. Kimberlys Welt, Kimberlys Leben.

Bleibt die Frage, wird der Staatsanwalt später sagen, warum ein Mädchen, das polizeilich unauffällig war, plötzlich auf die eigene Mutter einsticht. Wie viel Wut, wie viel Not müssen sich aufgestaut haben für solch eine Tat? War es Vorsatz, oder geschah es im Affekt? Oder ist sie verrückt? Und, das hat nun das Gericht zu entscheiden, gehört ein solches Mädchen eingesperrt?

Am 13. Juli 2015 stößt Kimberly ihrer Mutter ein Messer in den Hals. Am 14. Juli 2015 kommt sie in Untersuchungshaft. Am 2. Dezember 2015 hebt der Vorsitzende zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Saarbrücken den Haftbefehl auf. Seitdem wartet Kimberly in Freiheit auf ihr Urteil.

Kimberly, hast du Angst vor der Urteilsverkündung? "Ich hoffe halt, dass es bald vorbei ist, dieses Warten." Was machst du, nun, da du in Freiheit bist? "Nichts. Ich bin zu Hause und warte."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Ein Dezembertag. Das Hotel ist eines der besseren, der Anwalt hat hierher gebeten. Die Fassade funkelt vorweihnachtlich, Wohlfühlklänge in Lobby und Salon, und mittendrin Kimberly. Nach einem Schluck aus der Cola hört sie auf, von einer heilen Welt zu träumen. Die Zukunft ist fern.

Alles, findet Kimberly, fing ganz normal an. An einem Sommertag, Kreiskrankenhaus St. Franziskus, Saarburg, Rheinland-Pfalz. Kimberly ist die zweite Tochter von Anja und Stefan, junge Eltern, der Vater arbeitet als Kranfahrer, die Mutter bleibt zu Hause. Sie kümmert sich um den Haushalt, kocht, putzt, wäscht und schaut Kimberly dabei zu, wie sie aufwächst, wie sie aufblickt, manchmal zu ihr, meistens zur großen Schwester Tamara, fünf Jahre älter. Die beschützt Kimberly, immer und überall. Schwestern. Beste Freundinnen.

Genau dies, dieses Zusammenhalten mit der Schwester: "Daran erinnere ich mich am liebsten, wenn ich an früher denke. Ich konnte mich halt auf sie verlassen, sie war immer für mich da." Kimberly schaut erwartungsvoll zu Tamara, die neben ihr sitzt; Tamara schaut zurück und lächelt ihr Mut zu.

Ein ungleiches Paar sitzt da nebeneinander auf dem Sofa. Die eine, Kimberly, blass und blond, die Haare zum Zopf gebunden, um jedes Wort verlegen. Unauffällig bis zur Unsichtbarkeit. Ihre Stimme ein Herantasten, eine Suche nach haltbaren Sätzen. Die andere, Tamara, brünett, die Nase gepierct, die Unterarme tätowiert, Fingernägel aus glitzerndem Plastik, sagt, was sie denkt, sie weiß um ihre Wirkung: "Jeder, der uns sieht, aber nicht kennt, denkt, ich war das mit dem Messer." Sie lacht laut, Kimberly lacht unsicher mit.

Das mit dem Messer.