In Waldenburg verlaufen tatsächlich unterirdische Tunnel aus der NS-Zeit, doch ist hier auch ein Zug voll Gold versteckt? © Janek Skarzynski/AFP/Getty Images

Es war schon Abend, die Reporter der englischen Zeitung Daily Mail waren gerade in ihrem Hotel verschwunden, die Korrespondenten der China Daily noch nicht aufgetaucht, da schrieb die Fernsehmoderatorin Edyta Nawrocka zum ersten Mal in ihrem Leben ein Gedicht. Im Studio ihres Senders in der polnischen Stadt Wałbrzych, in Waldenburg, griff sie am 28. August vergangenen Jahres nach ihrem Kalender und kritzelte hinein, was sie bewegte. Dann strich sie Worte, ersetzte sie, veränderte die Reihenfolge der Zeilen. Es muss ein ungewöhnlich intensiver Augenblick gewesen sein, beherrscht von der Nachdenklichkeit am Ende eines aufwühlenden Tages. Es war ein Versuch, die wild gewordenen Gedanken zu bändigen. Vielleicht war es auch ein stummer Freudenschrei, das weiß man heute nicht mehr. "Jedzie pociąg z daleka", notierte sie. "Da kommt ein Zug von weit her."

Edyta Nawrocka ist nicht unbedingt der Typ, dem man Gedichte zutraut. Sie ist 29, steckt viel Energie in ihre Frisur, trägt Nachrichten vor und tritt als Sängerin in Diskotheken auf. Fotos, die sie von sich veröffentlicht, zeigen sie in einem knappen Bikini. Ihren gebräunten Körper schmiegt sie an den Stamm einer Palme. "O Zug", schreibt sie auf Polnisch in ihr Gedicht, "lass dich endlich bei uns sehen."

"Wie findest du das?", fragt sie den Kameramann, der das Studio betritt. Er liest den Text und antwortet: "Sing es mal, Edyta." So wird es Edyta Nawrocka später erzählen. Sie stellt sich vor die laufende Kamera und singt von ihrer Heimatstadt Waldenburg, von einem Zug, "überfrachtet mit Gold". Für einen Augenblick kann man denken, Edyta Nawrocka sei auf einen Schatz gestoßen. Das ist sie aber nicht. Niemand in Polen hat einen solchen Schatz entdeckt. Zeitungen in aller Welt haben die Nachricht verbreitet, dass in einem unterirdischen Tunnel in Waldenburg ein Nazi-Zug voller Gold stehen soll, aber gesehen hat ihn niemand. "Natürlich gibt es diesen Zug." Mit dieser kindlichen Sehnsucht sagt sie es noch heute. "Ich liebe den Zug."

Edyta Nawrocka ist die Tochter einer Friseurin und eines Unternehmers, der in Polen Tankstellen errichtet. Die Eltern halten nicht viel von Fernsehkarrieren, noch weniger von Goldzügen. Gegen die Trostlosigkeit ihrer Umgebung hat sich Edyta Nawrocka schon früh gewehrt, gegen das Grau der Fassaden, das Grau der Hinterhöfe, das Grau der Gesichter.

Edyta Nawrocka heuerte beim lokalen Fernsehen an und setzte sich in einen knallroten Sessel vor einer froschgrünen Wand. Mit ihrer blonden Mähne lief sie durch die Straßen der glanzlosen Stadt. Von den rund 120.000 Einwohnern sind viele arbeitslos. Bis vor einem Vierteljahrhundert war Waldenburg eine Stadt der Bergarbeiter, dann aber schloss die letzte Kohlezeche. Vom polnischen Wirtschaftsaufschwung kam in Waldenburg nicht viel an. In manchen Vierteln sieht es noch immer so aus, als sei gerade erst der Sozialismus zu Ende gegangen. Noch heute graben Menschen mit ihren Händen im Boden nach Kohle und verkaufen sie. "Ich wusste, es wird der Tag kommen, an dem alle auf uns schauen", sagt Edyta Nawrocka, "ich wusste es."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

"Die Welt ist vernarrt in diesen Zug", sagt der Chef des Fernsehsenders von Waldenburg

Sie stellt das Video mit ihrem Song auf ihre Facebook-Seite. Als ihr Chef, der Eigentümer des Senders, es bemerkt, fürchtet er um den Ruf der Redaktion. Er fährt die Moderatorin an: "Edyta, bist du verrückt geworden? Du bist das Gesicht dieses Senders. Du schadest unseren Nachrichten. Du zerstörst uns." Dann aber passiert etwas Erstaunliches. Rund 89.000 Menschen liken auf Facebook den Song vom Goldzug. Dabei hat Edyta Nawrocka das Lied ganz unscheinbar vorgetragen, die Haare brav zum Zopf gebunden. Ihr Video wird bei YouTube eingestellt, mit einem Mal ist sie in der Region um Waldenburg ein Star.

Danach nimmt Edyta Nawrocka ein weiteres Video auf. Diesmal posiert sie in engen Leggins vor einem Zug aus einem Museum und trägt eine übergroße Sonnenbrille. Jetzt ist es kein Lied eines Mädchens mehr, sondern die Show einer Frau. 66.000 Likes. Da kapituliert ihr Chef vor dem Erfolg, und er sagt zufrieden: "Die Welt ist vernarrt in diesen Zug."

Seit August kann man in Niederschlesien, nicht weit entfernt von der polnisch-tschechischen Grenze, ein Wunder besichtigen. Das Wunder besteht allein aus Gedanken. Gibt es den Goldzug der Nazis, oder gibt es ihn nicht? Die Gedanken locken Schatzsucher, Verschwörungstheoretiker und Reporter an. Zeitweise treiben sich 200 Journalisten in Waldenburg herum, aus Frankreich, Russland und Deutschland, aber auch aus den USA, Australien, Singapur und Japan.

Zweiter Weltkrieg - Verschollener Nazi-Zug hält Polen in Atem Ein verschwundener Zug aus der Nazizeit ist offenbar in Polen aufgetaucht. Dies gab der polnische Vize-Kulturminister Piotr Zuchowski bekannt. Der seit dem Zweiten Weltkrieg vermisste Sonderzug soll Schmuck und Gold geladen haben.

Ist es denkbar, dass die Nazis im Jahr 1945 – obwohl es darüber keine Dokumente gibt – einen Zug in Niederschlesien versteckten, das damals zum Deutschen Reich gehörte? Wollten die Deutschen wertvolle Fracht vor der näher rückenden Roten Armee der Sowjetunion retten? In einem Panzerzug, wie ihn auch Adolf Hitler benutzte?

Gute Gründe, dieser Vermutung zu misstrauen, gibt es viele. Gold, Nazis, unterirdische Geheimnisse – von Beginn an sieht alles danach aus, als habe sich jemand das Drehbuch eines missratenen Monumentalfilms ausgedacht. Und dennoch ist da etwas zu entdecken, eine Magie, die nicht zu entkräften ist. Ein diffuses Gefühl, Hoffnung. Aber Hoffnung worauf?