Jeden Abend um sieben oder halb acht beginnt mein Urlaub. Ich muss nur die Küchentür öffnen, und schon trete ich ein in eine Gegenwelt, mit eigenen Regeln und Gesetzen. Es ist großartig, dass ich einfach die Klappe halten kann und nicht mit meiner Frau oder meinen Kollegen kommunizieren, diskutieren oder die Missverständnisse aufklären muss, die beim Kommunizieren oder Diskutieren entstanden sind. Ich brauche mich nicht über meinen Chef zu ärgern, denn ich bin selbst der Chef. Ich warte auf keine wichtige E-Mail. Ich fange einfach an. Ich schleife Messer, schlage Eischaum, verpasse Steaks mit dem Bunsenbrenner eine Kruste.

Kochen ist mein Hobby. Vor sechs Jahren habe ich damit angefangen, und es war eine der besten Entdeckungen meines Lebens. Skeptiker argumentieren oft, die Arbeit sei ja schon stressig genug, da solle man sich nicht auch noch in der Freizeit anstrengen. Aber sie irren sich – für mich ist das Leben jetzt weniger anstrengend als vorher. Seit ich koche, stresst mich mein Job weniger. Ich bin ein glücklicherer und ruhigerer Mensch geworden. Für diesen wunderbaren Effekt gibt es sogar wissenschaftliche Belege: Wer sich abends oder am Wochenende intensiv mit etwas Eigenem beschäftigt, ist am nächsten Tag besser erholt als jemand, der am Fernseher klebt.

Wenn die Freunde lästern und die Kinder kichern, ist man auf einem guten Weg

Das Wort Hobby klingt ein wenig seltsam. Es scheint in die Wirtschaftswunder-BRD zu gehören, wie die Stechuhr und der Opel Kapitän. In den sechziger Jahren moderierte Peter Frankenfeld im ZDF eine Sendung mit dem Namen Und Ihr Steckenpferd?. Dort traten Kandidaten mit ernster Miene vor die Kamera und präsentierten ihre Künste im Wasserorgelspielen oder Rückwärtssprechen. 1993 gaben noch 51 Prozent der Deutschen an, einem Hobby nachzugehen, im Jahr 2012 waren es nur noch 32 Prozent. Vermutlich wissen viele Menschen gar nicht mehr, was ein Hobby überhaupt ist. So definiert es der Duden: "Ein Hobby ist eine als Ausgleich zur täglichen Arbeit gewählte Beschäftigung, mit der jemand seine Freizeit ausfüllt und die er mit einem gewissen Eifer betreibt."

Ich gehe ein- oder zweimal in der Woche joggen. Ich mache das ohne besondere Lust, einfach nur, um fit zu bleiben. Das ist kein Hobby. Aber ich besitze 81 Kochbücher, eine Nudelmaschine, eine Eismaschine, ein Sodasiphon, mit dem ich Soßen aufschäume, und hoffentlich bald ein Hängethermostat. Das ist ein Hobby. Ihm muss man sich verschreiben, bedingungslos. Wenn dann der Partner den Kopf schüttelt und etwas von verfrühter Midlife-Crisis murmelt, wenn die Freunde lästern, die Kinder kichern und der Vorgesetzte einen zum Einzelgespräch bittet, dann ist man auf einem guten Weg.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Arbeiter im frühen 20. Jahrhundert gaben auf die Frage "Was machst du?" nicht ihren Beruf an, sondern ihr Hobby. Sie sagten nicht: "Ich arbeite bei Siemens", sondern: "Ich bin Boxer." Die Arbeit war oft so fremdbestimmt, mühsam und gesundheitsschädlich, dass sie nicht viel Freude machen konnte – und kaum dazu diente, darüber die eigene Person zu definieren. Heute ist das anders. Und deshalb glauben vermutlich viele Menschen, kein Hobby mehr nötig zu haben. Der moderne Arbeitnehmer soll im Job Spaß und Sinn finden – was dazu führt, dass er sich leicht selbst ausbeutet. Dagegen kann ein Hobby helfen. Schon durch die banale Tatsache, dass man sich zum Fußballspielen verabredet hat oder dass das Fünf-Gänge-Menü vorbereitet werden muss, bevor die Gäste kommen.

Oft verfolgt einen die Arbeit auch jenseits des Schreibtisches. Man liest spätabends noch eine berufliche Mail. Man ertappt sich dabei, wie man dem Gegenüber im Restaurant nicht zuhört, weil das aktuelle Projekt im Kopf weiter seine Runden dreht. Und nachts träumt man von Kostenvoranschlägen. Ein Hobby aber lässt nichts neben sich gelten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Sich nach Feierabend intensiv mit etwas zu beschäftigen kann vor Erschöpfung schützen

Wenn ich Zwiebeln hacke, kann ich nicht an die Arbeit denken. Ich denke nicht einmal ans Zwiebelhacken. Meine Hände führen eine Tätigkeit aus, die irgendwo im motorischen Gedächtnis gespeichert ist. Alles läuft wie von selbst ab, ich bin versunken im Schaffensrausch. Es geht darum, Rezepte, Regeln und Handgriffe zu lernen, zu scheitern und besser zu scheitern und irgendwann zu jubeln. Ich knie auf dem Küchenboden und starre in den Backofen, weil es nur diesen einen perfekten Bräunungsgrad gibt. Ich trage die Steinpilztarte auf, esse selbst erst einmal nicht, blicke in die Gesichter der anderen am Tisch, und wenn sie dann lächeln, spüre ich diese Zufriedenheit.

Die besten Rezepte zu finden, neue Techniken zu lernen und dieses verdammte Ricotta-Soufflé immer wieder zuzubereiten, bis es eines Tages endlich aufgeht – all das braucht Zeit, so wie jedes Hobby Zeit braucht. Und genau darum geht es. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass es keine gute Idee ist, in der Freizeit nur den Bürostuhl gegen das Sofa zu tauschen und aus Langeweile heraus einen Streit mit der Katze anzuzetteln.

Die Forschungsergebnisse bestätigen, dass man ruhig ein bisschen Freizeitstress riskieren kann. Wissenschaftler ließen finnische Angestellte Fragebögen ausfüllen. Einige der Arbeitnehmer schalteten in der Freizeit regelmäßig ab, indem sie Beschäftigungen nachgingen, bei denen sie sich weiterentwickeln und zugleich entspannen konnten und die sie selbst bestimmten. Ihnen ging es ein Jahr darauf deutlich besser als anderen Probanden, die das nicht taten. Sie litten weniger unter Erschöpfung und konnten besser schlafen.

Ist das Hobby nur ein perfider Trick des Neoliberalismus?

Das überrascht mich nicht. Wenn ich am Abend gekocht habe und glücklich ins Bett falle, bin ich am nächsten Morgen hellwach und kann es kaum erwarten, meine Kollegen zu sehen. Ich arbeite schneller und konzentrierter, kann pünktlich Feierabend machen und schaffe es vielleicht sogar noch, frisches Gemüse auf dem Markt einzukaufen. Beim Schneiden und Kochen in meiner Küche erhole ich mich dann wieder.

Schneller, besser, effizienter arbeiten – da könnte man einwenden, dass Hobbys ein besonders perfider Trick des Neoliberalismus sind: Wir werden gezwungen, in unserer Freizeit Kochskills und Briefmarkensammlungen zu optimieren, damit wir am nächsten Tag bei der Arbeit noch besser performen können. Ich glaube, diese Sorge ist unbegründet. Ein Mensch, der wirklich an seinem Hobby hängt, wird sich jeden weiteren Karriereschritt gut überlegen. Es könnte ja sein, dass ihm nicht genug freie Zeit bleibt.

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