Im Kern verrottet, international nicht konkurrenzfähig und unzureichend für die Ausbildung von akademisch gebildeten Fachkräften. So lauteten am Ende des letzten Jahrtausends die Diagnosen über das deutsche Hochschulsystem. Die wissenschaftspolitische Antwort darauf war kein neuer Masterplan, sondern mehr Wettbewerb, mehr Autonomie – und zuletzt auch mehr Geld. Die kräftige Steigerung der Bundesmittel seit 2007 schlug sich in diversen Förderpakten nieder, darunter die Exzellenzinitiative.

Über ihren Fortgang wird nun nach Vorlage des Evaluierungsberichts der Imboden-Kommission mit Verve gestritten werden. Als großer Erfolg gefeiert wird die Exzellenzinitiative indes schon lange. Sie gilt als wichtigstes Instrument, um die deutsche Spitzenforschung voranzubringen und international sichtbar zu machen. Und das nicht zu Unrecht.

Die internationale Position der deutschen Wissenschaft in der Spitzenforschung hat sich seit Anfang des Jahrtausends kontinuierlich verbessert. Die Exzellenzinitiative hat diesen Trend zwar nicht verursacht, aber deutlich beschleunigt. Insofern hängt von diesem Wettbewerb und der Frage, wie die vorgesehenen 4,6 Milliarden Euro in den nächsten zehn Jahren verteilt werden, die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems nicht allein ab. Die größten Aufgaben liegen in anderen Bereichen.

Von der Konkurrenz lernen

So erfreulich die Entwicklung des deutschen Wissenschaftssystems und die Verbesserung seiner internationalen Reputation ist, so sehr muss man betonen, dass die Konkurrenz nicht schläft. Deutschlands Anteil an den weltweit produzierten und international viel zitierten wissenschaftlichen Arbeiten ist während der Exzellenzinitiative sogar leicht gesunken. Das liegt vor allem daran, dass China zur zweitgrößten Wissenschaftsnation aufgerückt ist. Aber auch daran, dass zum Beispiel die Schweiz, die Niederlande oder Großbritannien ihren Anteil an international viel zitierten Publikationen schneller und auf ein höheres Niveau steigern konnten. Wie also kann es gelingen, den positiven Trend zu verstetigen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Die Exzellenzinitiative hat – entgegen vieler Befürchtungen oder Hoffnungen – die Kluft innerhalb des Hochschulsystems nicht dramatisch verändert. Die leistungsstarken Hochschulen waren mit und ohne Exzellenzinitiative in den Top-Positionen der verschieden Rankings.

Die Niederlande zeigen aber, dass es gelingen kann, in einem leistungsmäßig wenig differenzierten System alle Hochschulen auf einem ähnlichen und hohen Niveau zu halten. Dort, wie auch in Großbritannien, lautet das Rezept: eine starke interne Wettbewerbskultur mit entsprechenden Berufungs- und Förderpolitiken innerhalb der Hochschulen und vielfältige Kooperationsbeziehungen außerhalb.

Weniger Wettbewerb wagen

Die deutsche Lösung des 21. Jahrhunderts – mehr Wettbewerb – hat dem deutschen Wissenschaftssystem gutgetan. Inzwischen wird etwa die Hälfte der Mittel für Forschung und Entwicklung auf diese Weise eingeworben. Aber das Rennen um Fördermittel hat seinen Preis. Der Aufwand für Anträge ist hoch, das Begutachtungssystem stößt an seine Grenzen. Neben Förderanträgen müssen Manuskripte begutachtet, Evaluationen und Akkreditierungen organisiert werden. Die Qualität der Forschung gerät so in Bedrängnis. Manchmal weniger Wettbewerb wagen, längere Förderphasen und unbürokratische Kleinförderung – das sind die Aufgaben der Zukunft.

Humboldts Grenzen testen

Der Humboldt-Mythos bedarf einer kritischen Revision. Denn die Architektur des Hochschul- und Forschungssystems ist ins Wanken geraten. Auf der einen Seite dringen die Fachhochschulen tief in das berufliche Bildungssystem ein, auf der anderen Seite positionieren sich die Fachhochschulen in der Forschung und Nachwuchsqualifizierung, wie die Diskussion um das Promotionsrecht zeigt. Die Universitäten werden mit den Bachelorstudiengängen zu potenziellen Konkurrenten oder auch Partnern der Fachhochschulen und kooperieren auf der anderen Seite immer stärker mit den außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Die alte Aufgabenteilung zwischen Fachhochschulen, Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen wird undeutlicher.

Verliert das deutsche System dadurch, oder gewinnt es? Die Entwicklung scheint zumindest nicht aufzuhalten zu sein. Das wirft Fragen auf, ob über alte Gewohnheiten nicht neu nachgedacht werden müsste: etwa, ob das Promotionsrecht an den Nachweis von Forschungsleistungen gebunden werden sollte. Die Noteninflation in manchen Fächern stimmt nachdenklich. Macht es nicht Sinn, wie in Großbritannien einen Teil der Forschungsförderung an den Nachweis entsprechender Leistungsfähigkeit zu binden?

Wenn die Trennung von Fachhochschulen und Universitäten auf Dauer nicht zu halten ist, müssten in allen Einrichtungen die Aufgaben des akademischen Personals stärker differenziert werden – zwischen Forschung und Lehre.