Das darf doch nicht zu Ende sein, dachte er. Zu schön! Dieser Sieg! 36 : 24 gegen Göppingen, Platz vier in der Tabelle. Das muss doch weitergehen! Peter Hausendorf schwenkte die riesige Fahne, darauf die Raute, schwarz-weiß-blau. Die Spieler standen in der Halle, klatschten für die Fans. Die Fans standen auf den Rängen, klatschten für die Spieler, minutenlang, als wären sie nicht zu bremsen. Als gäbe es kein Ende. Ausgerechnet bei diesem Verein, bei dem jetzt alles zu Ende ist.

Damals, es war der 27. Dezember, sah Peter Hausendorf das letzte Spiel des HSV Handball vor der Winterpause. Vielleicht war es das letzte Spiel des HSV Handball in der Bundesliga, sicher war es das letzte für sehr lange Zeit. Das spürte Hausendorf. Er wischte sich die Tränen weg.

Drei Wochen später sitzt Hausendorf auf einem Barhocker in Barmbek-Süd, Tunici’s Restaurant Dubrovnik. Wie oft war er schon hier, mit seinem Fanclub, "Störtebeker" haben sie ihn genannt, wie sich das gehört für einen Fanclub aus Hamburg. Sie kegelten, aßen Cevapcici, sprachen darüber, wie sie ihre Mannschaft noch besser anfeuern könnten. Manchmal waren auch Spieler da, vor allem am Anfang, die Kroaten: Igor Vori, Domagoj Duvnjak. Längst vergangene Zeiten.

Daran gibt es nichts mehr zu rütteln: Als Hausendorf im Tunici’s sitzt, hat die Lizenzierungskommission der Handball-Bundesliga dem HSV Handball gerade aufgrund "gravierender Verstöße gegen zwingend einzuhaltende Verpflichtungen aus dem Lizenzierungsverfahren und dem Lizenzvertrag" die Spielberechtigung zum Ende der laufenden Saison entzogen. Ziemlich komplizierte Begriffe für eine einfache Wahrheit: Mit dem HSV Handball ist es aus.

Eine der größten Handballmannschaften Deutschlands verschwindet. Eine der vier größten Sportmannschaften Hamburgs geht unter. Und mit ihr die Träume, die sie zwölf Jahre lang begleitet hatten.

Fans wie Peter Hausendorf verlieren ihre Liebe.

Spieler und Angestellte in der Geschäftsstelle verlieren ihre Jobs.

Viele im Handballsport verlieren den Glauben daran, dass der Sport auch in Großstädten Weltklasse sein kann.

Und in Hamburg verliert man die Illusion, dass hier möglich ist, was in Deutschland keine Tradition hat: einen Verein aus einer anderen Stadt zu holen und die Sportart groß zu machen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Deutschland ist das Land der Vereine. Schützen, Kaninchenzüchter, Angler, jeder hat seinen eigenen. Weil es so viele Vereine gibt, bekommen eigentlich nur jene breite Anerkennung, die es sehr lange gibt. Der Hamburger Sportverein zum Beispiel, 1887 gegründet. Wenn der Opa schon ins Stadion gegangen ist und den Papa mitgenommen hat, dann führt der Sohn fort, was in die Familie eingeschrieben ist.

Beim HSV Handball ging das nie. Den Verein gibt es erst seit 2002, seit er die Erstligalizenz und die Mannschaft des VfL Bad Schwartau übernahm. Er nannte sich HSV, kaufte vom Hamburger SV die Rechte an der Raute und versuchte, mit dem alten Emblem so viele neue Fans wie möglich zu finden. Menschen wie Peter Hausendorf, die ihr Leben mit diesem Verein verbringen wollen. Die zu den Heimspielen kommen, die auswärts mitfahren. Die Fahnen schneidern, Fanclubs gründen, Stammtische organisieren. Denn nur wenn viele Fans kommen, kann aufgehen, was Manager sich ausdenken.

So war dieser Verein, dieser HSV Handball, im deutschen Sport ein Experiment. Seine These: Es ist möglich, einen Verein zu verpflanzen. Er wird in einer neuen Stadt Begeisterte finden und wirtschaftlich erfolgreich sein, wenn er erfolgreich ist in seinem Sport. Das konnte der HSV Handball auf lange Sicht nicht halten.

Wer sich auf die Suche nach den Gründen macht, mit früheren Spielern spricht, mit Funktionären und Fans, der trifft viele, die gern erzählen, ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen wollen. Zu klein die Handballwelt, zu heikel die Sache. Bald wird der Fall vor Gericht verhandelt. Aus all den Gesprächen formt sich am Ende aber ein klares Bild, es ist eine Chronologie des Untergangs in fünf Akten.