Es ist oft behauptet worden, die Philosophie sei langweilig geworden, sie biete kein echtes Abenteuer des Denkens mehr. Markus Gabriel, Philosophieprofessor in Bonn, hat offenbar beschlossen, dies zu ändern. Und so präsentiert er eine echte Hochgeschwindigkeitsphilosophie, die auch erprobte Heroen des freien Assoziierens staunend zurücklässt.

Schwindel erregt schon der Titel: Ich ist nicht Gehirn. Wie soll man das verstehen? "Ich bin nicht Gehirn"? "Mein Ich ist kein Gehirn"? Natürlich ist mein Ich kein Gehirn, und ich bin es auch nicht. Ich kann schwimmen und Fahrrad fahren; mein Gehirn tut sich da schwer, noch nicht einmal das Lesen klappt. Doch welcher ernsthafte Philosoph hat jemals eine derart waghalsige Behauptung aufgestellt?

Gabriel macht den "Neurozentrismus" verantwortlich, eine dem Autor zufolge in der Gegenwart weitverbreitete Ideologie, die das Ich aufs Gehirn und das Bewusstsein auf ein Neuronengewitter reduziere, keinen Platz für die menschliche Freiheit lasse, die Würde des Menschen untergrabe und die Wirklichkeit zu einer Illusion erkläre.

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Rettung naht in Gestalt von Gabriels eigener Philosophie des Geistes, die Partei ergreift für die Irreduzibilität des menschlichen Geistes und damit gleich auch Freiheit und Menschenwürde dem Untergang entreißt.

Hehre Ziele, die man sich gerne zu eigen macht! Doch in der Philosophie kommt es auf gute Argumente an, und die sollten sich mit den besten Vorschlägen der gegenwärtigen Debatte auseinandersetzen – nicht mit den Ladenhütern von vorgestern oder gar mit irgendwelchen Vogelscheuchen, die an die Stelle ernst zu nehmender Theorien treten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Leider hat Gabriel dazu eine schier unbezwingbare Neigung. Das beste Beispiel bildet der sogenannte Neurozentrismus, dem Gabriel all die finsteren Machenschaften und absurden Auffassungen anlastet, gegen die er anschreibt. Zugegeben – einen Teil der von Gabriel gegeißelten Verfehlungen hat es irgendwann mal irgendwo gegeben. In der Philosophie spielen sie jedoch keine Rolle mehr, zumal sie längst in aller Ausführlichkeit kritisiert worden sind. So hat Ernst Tugendhat schon vor vielen Jahren gezeigt, dass es eine Schnapsidee ist, von "dem Ich" zu sprechen. "Ich" ist kein Ding, sondern ein Personalpronomen, das für Personen steht, also für geistig-körperliche Wesen, die über Geist und Selbstbewusstsein verfügen.

Und Selbstbewusstsein – das wäre in der Tat ein Thema, bei dem es echtes philosophisches Holz zu spalten gäbe. Es ist nämlich gar nicht so einfach zu verstehen, wie wir es schaffen, ein Bewusstsein von uns selbst zu erlangen. Hierzu gibt es eine Reihe interessanter Vorschläge von Philosophen wie John Perry, David Lewis, José Bermúdez oder in Deutschland von Manfred Frank. Da gäbe es etwas Neues zu lernen, zumal hierzu auch eine Vielzahl neuer Erkenntnisse aus der Psychologie vorliegen. Doch dazu wären differenzierte Argumente und eine eingehende Auseinandersetzung notwendig – zeitraubend und anstrengend. Unser Hochgeschwindigkeitsphilosoph zieht lieber weiter und setzt den nächsten Strohmann in Flammen.

Einer dieser Strohmänner – angeblich David Rosenthal und seine Theorie der Gedanken höherer Ordnung – versucht Bewusstsein zu erklären und verstrickt sich dabei in einen Regress; ein zweiter bestreitet erst die Existenz des Ichs und behauptet dann gleich wieder, dass es doch existiert – das soll Thomas Metzinger sein. Und der dritte Strohmann wird als Empirist vorgestellt: Er glaubt jemandem aufs Wort, selbst wenn der von sich behauptet, er sei tot. Absurde Positionen, oder? Und warum ist das noch niemandem aufgefallen?

Ganz einfach: weil es sie nur in Gabriels Buch gibt. Der wirkliche Rosenthal umgeht den Regress ganz elegant, der echte Thomas Metzinger behauptet widerspruchsfrei, dass unsere Vorstellung vom Ich illusorisch sei. Und der real existierende Empirismus hat keine Schwierigkeiten, zu erkennen, dass eine Person, die spricht, lebendig sein muss: Das ist nämlich auch eine empirische Tatsache. Natürlich gäbe es an all diesen Theorien eine Menge zu kritisieren, und aus dieser Kritik könnte man viel lernen – aber dazu muss man sich mit dem aktuellen Stand der Debatte befassen und nicht mit selbst produzierten Karikaturen.

Gabriel hat zudem eine fatale Neigung, sich im Vorbeigehen zu Fragen zu äußern, die nur einen äußerst losen Bezug zum Thema des Buches haben. So meint er, es sei immer wieder zu lesen, die Kirche habe Galilei und Giordano Bruno verfolgt und damit den wissenschaftlichen Fortschritt gebremst. Gabriel verweist dagegen auf die Religiosität von Kant und Bruno: Religiosität führe also nicht zwangsläufig zu Irrtum und Aberglaube. Wohl wahr, aber sagt das irgendetwas über das Verhältnis der Kirche zum Fortschritt aus? Und: Ist es wirklich nur ein Gerücht, dass Galilei und Bruno von der Kirche verfolgt wurden? Die Verurteilung Galileis, das Verbot seiner Lehrtätigkeit, die Verbrennung von Giordano Bruno – keine Verfolgung?

Nach 350 Seiten und einem bunten Strauß weiterer Episoden, in denen die "Darwinitis", die menschliche "Selbstvergöttlichung", der "Legozentrismus", der "Eurohinduismus" und schließlich eine "Toilettentheorie des Denkens" an uns vorbeihuschen, endet unser Abenteuer schließlich in einem glanzvollen und bedeutungsschweren Finale.

Welchen Rat gibt uns also die "Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert" mit auf unseren weiteren Weg? "Wir sollten Menschen bleiben", antwortet Gabriel. Wohlan – die Sache hat sich gelohnt!

Markus Gabriel: Ich ist nicht Gehirn.
Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert; Ullstein, Berlin 2015; 352 S., 18,– €