Den Satz des Tages, vielleicht sogar der Woche, sagt die junge Filmemacherin Ida Panahandeh. Sie sagt ihn in ihrem kargen Büro im Zentrum von Teheran, an dessen Wand ein zerknittertes Foto des jungen Jean-Paul Belmondo hängt. Sie sagt ihn mit derselben Sachlichkeit und Klarheit, mit der sie zuvor über die Erlebnisgier ihrer Generation gesprochen hat und über die Grenzen, die ihr gesetzt werden: "Ich glaube, das Regime ist gerade dabei, seinen Frieden mit den Künstlern zu machen."

Ob es diesen Frieden wirklich gibt und wie er aussehen könnte, das werden wir im Laufe dieser Woche auf einer Rallye durch Teherans Kulturszene erkunden, in Produktionsbüros, Wohnungen und Ateliers, auf Partys, beim Essen und bei Autogesprächen im ewigen Verkehrsstau. Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass sich die iranischen Künstler seit einiger Zeit in freieren Bahnen bewegen. Dass sie direkter auf ihre Themen zugreifen können und sie nicht mehr in Metaphern oder Parabeln packen müssen.

Auch Nahid, der erste Spielfilm von Ida Panahandeh, legt nahe, dass etwas im Gange ist. Was der Film zeigt, hätte in dieser Mischung aus thematischer Ballung und unvermittelter Erzählweise noch vor ein paar Jahren niemals den Weg in die iranischen Kinos gefunden: Eine geschiedene Frau, Nahid, hat ein Verhältnis mit einem Mann, weigert sich aber zunächst, die im Iran dafür vorgesehene Zeitehe einzugehen. Mit ihrem drogensüchtigen Exmann kämpft sie um das Sorgerecht für ihren kleinen Sohn, mit ihrem Liebhaber ringt sie um ihr Recht auf Autonomie. "Es gibt ein wachsendes Bewusstsein für diese Rollenmuster, und zwar auch in den weniger gebildeten Schichten", sagt Ida Panahandeh. In ihrem Film stellt sie ihre Themen nicht aus. Die Kamera bleibt einfach konsequent an der Seite dieser Frau, die ihren Weg geht, unter dem stürmischen Himmel einer kleinen Stadt am Kaspischen Meer. "Meinen Freundinnen und mir ergeht es ein wenig wie meiner Heldin", sagt Panahandeh, "wir wollen uns nicht aufopfern. Meine verwitwete Mutter hat alle persönlichen Sehnsüchte verdrängt, um uns Kinder aufzuziehen. Dagegen haben mein Mann und ich uns entschlossen, keine Kinder zu haben. Wir wollen Filme machen." Es ist nicht verwunderlich, dass das Nachdenken über Lebensformen und das über Erzählformen in diesen Zeiten einander bedingen. "In den acht Jahren mit Ahmadinedschad ging es dem Land durch die Sanktionen schlecht", sagt Ida Panahandeh, "sogar schlechter als in den Zeiten des Iran-Irak-Krieges. Es war die große Depression, es war ein Rückschritt, sozial wie politisch. Und jetzt habe ich das Gefühl, dass die iranische Bevölkerung langsam aufwacht."

Als wir zum Auto gehen, sagt Shirin, meine Übersetzerin, Chauffeurin, Begleiterin: "Sie hat recht. Es verändert sich wirklich etwas. Und wir haben es auch verdient, nach der ganzen Scheiße mit Ahmadinedschad!"

Shirin, ein cooles Wesen Mitte zwanzig, Tochter eines Geschäftsmannes, gehört zur alteingesessenen Teheraner Oberschicht. Nachdem sie eine Weile in den USA gelebt hatte, kehrte sie aus Heimweh zurück und jobbt nun in der Filmbranche. Wie so viele ihrer Altersgenossen lebt sie in der "bubble", der modernen Kunst-, Konsum- und Lifestyle-Blase der Stadt. Auch Shirins Auto ist eine solche bubble aus Blech. Ein Schutzraum, in dem sie – was bis vor Kurzem undenkbar war – den Schleier ablegt, sich in einen Smartphone-DJ verwandelt und kein Blatt vor den Mund nimmt. "Wenn du diese Gesellschaft verstehen willst, brauchst du dir nur den Teheraner Verkehr anzuschauen", sagt Shirin. "Eine halbe Million Leute im Auto, jeder gegen jeden. Aber im Auto kann man eben nicht überwacht, denunziert, reglementiert werden."

"Das Regime scheint begriffen zu haben, dass es mit dieser Bevölkerung leben muss"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 28.1.2016.

Unser Ziel ist der Ende des 18. Jahrhunderts angelegte Negarestan-Garten südlich des Zentrums. In einem idyllischen Café lädt hier Rakhshan Bani-Etemad zum Essen, eine der prominentesten iranischen Regisseurinnen – und eine Galionsfigur für Generationen iranischer Frauen. Seit sie als Achtzehnjährige ihren ersten Etemad-Film gesehen habe, sagt Shirin beim Einparken mit rührend geröteten Wangen, sei sie plötzlich aufmerksam geworden auf das, was im Iran schieflaufe zwischen Männern und Frauen, Arm und Reich, oben und unten. Überhaupt: "Sie ist eine Heldin."

Tatsächlich verströmt Bani-Etemad genau jene Autorität, die sich aus der natürlichen Verachtung für Autoritäten speist. Vor einiger Zeit versuchte sie, die Behörden auszutricksen: Entnervt von der Zensur ihrer Spielfilme, beschloss sie einfach, fünf Kurzfilme zu drehen, da diese weniger strengen Auflagen unterliegen – setzte sie danach aber zu einem episodischen Spielfilm namens Tales zusammen, der im Wettbewerb des Festivals von Venedig lief. Während sich der Tisch mit den von ihr stolz präsentierten Salaten, Suppen, Eintöpfen füllt, sprechen wir über diesen Film, der Figuren aus ihren früheren Werken versammelt und ihre Schicksale weiterspinnt. In Tales tritt eine Prostituierte auf, es gibt reiche Kids, die ihren Vater mit einer fingierten Entführung erpressen, einfache Arbeiter und eine Frau, deren Gesicht von ihrem eifersüchtigen Ehemann verbrüht wurde. Für diese Geschichten wählt Bani-Etemad die lockere Form von Momentaufnahmen, von short cuts aus dem heutigen Teheran. Was gibt dieser Frau eigentlich die Kraft, seit Jahrzehnten kompromisslos Filme zu drehen? "Frauen sind im Iran einer doppelten Repression ausgesetzt", sagt Bani-Etemad. "Aber, glauben Sie mir, man kann daran wachsen. Deshalb gibt es in unserem Land auch so viele interessante Künstlerinnen." Glaubt sie, dass die neue liberalere Atmosphäre anhalten wird? "Das Regime scheint begriffen zu haben, dass es mit dieser Bevölkerung leben muss", sagt Bani-Etemad, "das Problem ist aber, dass die Radikal-Religiösen die Regierung so sehr unter Druck setzen."

Plötzlich kommt Bewegung in den Garten. Eine Filmcrew, etwa fünfzehn junge Leute, die hier einen Dokumentarfilm drehen, hat ihr Idol entdeckt. Ein Gruppenfoto muss her. Ruck, zuck ordnet Rakhshan Bani-Etemad die bunte Truppe mit Regieanweisungen zu zwei adretten Reihen. Für einen Moment stellt man sich vor, was geschehen würde, wenn die religiösen Hardliner des Landes mal ein paar Stunden mit einer Frau dieses Kalibers verbringen müssten.